Auf diesem in jeder Beziehung für uns geeigneten Lagerplatze brachten wir drei Tage zu. Sie waren sehr notwendig, um Ordnung in die Karawane zu bringen. Noch sechs Esel gesellten sich mit ihren Lasten zu den bereits eingetroffenen. Da die übrigen gar nichts von sich hören ließen, sandte ich Tscherdon mit einigen Mauleseln und Pferden zurück, um sich nach ihnen umzusehen und ihnen zu helfen; er kam erst am dritten Tage mit dem Gepäck wieder. Von den Eseln waren an dem einen Tage neun, am anderen dreizehn zusammengebrochen; nur ein paar waren noch am Leben, aber auch nicht mehr brauchbar.

Die Kosaken beschäftigten sich mit Jagd, denn auch in dieser Beziehung war die Gegend besonders günstig. Sie erlegten mehrere Orongoantilopen und Gänse, welch letztere sich auf ihrer Rückreise nach Norden hier ausruhten.

Sirkin und Mollah Schah sollten jetzt für die Führung einstehen und nahmen für den Fall, daß sie auf dem nächsten Lagerplatze noch nicht wieder zu uns stoßen würden, Pelze und Proviant mit. An diesem Tage, 14. Juni, war jedoch das Terrain gut; wir ritten das große, offene Tal, das nur geringe Steigung hatte, hinauf. Nur ab und zu, im eigentlichen Talgrunde, war der Boden gefährlich, und man mußte erst untersuchen, ob er trug. Tschernoff war einmal drauf und dran zu versinken und konnte sein Pferd nur mit Mühe retten. Wildgänse sind überall zu sehen. Die Leute glaubten bestimmt zu wissen, daß es die Art war, die nicht weiter als bis an den oberen Kum-köll geht.

Einer der Kosaken schoß ein paar von ihnen. Wir befanden uns da noch oben auf der Terrasse, und die verwundeten Gänse flatterten unten auf dem Boden des Tales. Ördek stürzte sich mit bewunderungswürdiger Gewandtheit den Abhang hinunter und bemächtigte sich ihrer. Er hatte sich dabei jedoch zuviel zugemutet und wurde hinterdrein vor Atemnot und Herzklopfen beinahe ohnmächtig. Nachdem er die Gänse getötet hatte, blieb er eine Zeitlang auf dem Rücken liegen; ich schickte einige Leute zu ihm hinunter. Nach einer Stunde war er jedoch wieder ebenso munter wie vorher. Schagdur schoß drei Rebhühner, und eine Strecke weiter wurde eine Orongoantilope entdeckt, die Sirkin im Vorbeireiten erlegt hatte ([Abb. 232].) Auf diese Weise vergrößerte sich der Proviantvorrat. Kulane waren besonders zahlreich vertreten und zeigten sich in Herden von etwa 20 Tieren. Von wilden Yaken sahen wir nur Fährten und Dung, aber auch letzterer war wertvoll, und auf jedem Marsche wurden ein paar große Säcke damit gefüllt, um unseren Brennstoffvorrat zu vermehren.

Beim dumpfen Geläute der großen Glocken schreitet die Karawane in der gewöhnlichen Zugordnung langsam vorwärts. Vor uns erhebt sich eine mächtige Bergkette; wir schlagen den Weg nach einer ihrer Talmündungen ein. Hier wuchs niedriges, dichtes Gras, und eine große, dicke Eistafel füllte das Bergtor aus. Der Platz eignete sich viel zu gut für das Lager, als daß wir daran hätten vorbeigehen können ([Abb. 234]).

Die Zelte waren kaum aufgeschlagen, als sich eine unerwartete Episode zutrug. Wir hatten die große Eismasse dicht neben uns; jenseits derselben sah man einen schwarzen Gegenstand, den die Männer für einen Stein hielten. Als er aber anfing sich zu bewegen, meinten sie, es sei ein im Stiche gelassener Yak. Ich hörte, daß in der Jurte der Kosaken eifrig leise gesprochen wurde, und dann kam Tschernoff mit dem Fernglas zu mir geschlichen und flüsterte, vor Aufregung und Jagdeifer glühend: „Ein Bär geht gerade auf das Lager los!“ Und richtig, ohne von den Zelten und den dicht dabei weidenden Kamelen die geringste Notiz zu nehmen, spazierte der Petz weiter, als gehöre er zur Gesellschaft. Schnell wurden alle Hunde gekoppelt und hinter einen Hügel gebracht, damit sie die Jagd nicht störten. Die Kosaken wollten sogleich zu Pferd steigen und den ungebetenen Gast empfangen, denn sie glaubten, daß er uns bald wittern und dann die Flucht ergreifen würde, aber ich riet ihnen nur ruhig zu warten; es machte mir zuviel Spaß, die Bewegungen des Tiers durch das Fernglas zu beobachten.

Der zottige Einsiedler muß blind und taub gewesen sein, denn er trottete ruhig weiter. Jetzt war er an der Eistafel, kaum 200 Schritt von uns; er betrat sie und überschritt sie diagonal, immer gerade auf unser Lager zu. Sein Gang war außerordentlich langsam, er war entschieden müde. Manchmal blieb er stehen, um das Eis zu beschnüffeln, und den Kopf hielt er die ganze Zeit gesenkt. Dann verschwand er in einer Vertiefung des Eises, wo er sich eine Weile aufhielt, um zu saufen. Jetzt riet ich den Schützen, sich nach dem Eisrande zu schleichen und ihn dort mit gespanntem Hahne zu erwarten.

Darauf ging er seinen ruhigen Gang weiter, gerade in den Rachen des Todes hinein. Die drei Schüsse krachten so gleichzeitig, daß sie wie ein einziger klangen. Der Petz drehte sich nicht um, sondern eilte im Galopp am Lager vorbei und den nächsten Abhang hinauf. Pferde standen schon bereit, im Nu waren die Schützen im Sattel und hinter drein, eine neue Salve ertönte, und wie ein Ball rollte die Bestie den Abhang herunter.

Ich begab mich mit dem großen photographischen Apparate dorthin und machte ein paar Aufnahmen von dem Eremiten der öden Gebirge, dem tibetischen Bären ([Abb. 233]). Dann wurde er abgehäutet, das Fell und das Knochengerüst sollten aufgehoben werden. Sein Inneres war von den Kugeln ganz zerrissen. Es war ein uraltes Männchen; in den Zähnen, die es noch besaß, gähnten große Löcher; der arme Petz muß entsetzlich an Zahnweh gelitten haben, bis er auf diese radikale Weise kuriert wurde. Der Magen enthielt ein kürzlich verzehrtes Murmeltier und einige Kräuter. Ersteres hatte der Bär mit Haut und Haar verzehrt, die Knochen hatte er aber mit seinen schlechten Zähnen nicht durchzubeißen vermocht. Er hatte es jedoch recht pfiffig angefangen, um das Gericht so schmackhaft wie nur möglich zu machen. Er hatte nämlich das Murmeltier erst bis auf die Zehenspitzen abgezogen, dann das Fell mit den Haaren nach innen in einen Ball zusammengerollt und darauf diese Kugel ganz hinuntergeschluckt. Der Arme! Seine einsame Wanderung nahm ein Ende mit Schrecken. Aber warum mußte er sich auch gerade nach dem einzigen Fleckchen innerhalb eines Umkreises von Hunderten von Meilen begeben, wo Menschen mit ihren Flinten auf ihn lauerten?

Am nächsten Tage kamen Sirkin und Mollah Schah wieder und sagten für zwei weitere Tagemärsche gut. Am 16. Juni wären wir aufgebrochen, wenn ich nicht mit der Nachricht geweckt worden wäre, daß ein sehr heftiger Schneesturm herrsche; es hatte die ganze Nacht geschneit, und der Schnee lag 10 Zentimeter hoch. Wir warteten daher besseres Wetter ab, und da das Schneetreiben den ganzen Tag anhielt, blieben wir noch eine Nacht hier. Förmliche Schneewehen häuften sich um die Zelte an, und von den Filzdecken tropfte es in meine Jurte, denn die Temperatur blieb ein wenig über Null, und die Jurte wurde durch das Kohlenbecken nur schwach erwärmt.