Der 17. Juni brachte uns um so schöneres Wetter; der Himmel war rein, und die Sonne bereitete der Schneedecke bald ein Ende. Es ging durch ein ziemlich breites, wasserloses Tal immer höher nach dem Arka-tag hinauf. Sirkin diente jetzt als Wegweiser. Als wir endlich an eine kleine Quelle gelangten, mußten wir rasten, um Wasser zum Abend zu haben. Der Graswuchs hatte aufgehört, nur hier und da wucherte saftiges, grünes Moos. Abends erhob sich ein heftiges Schneegestöber mit Nordnordwestwind; alle Jurten bedeckten sich mit weißen Kuppeln, die dazu beitrugen, das Innere nachts warm zu halten, und der Schnee knirschte unter den Fußschwielen der Kamele.
Noch waren wir nicht bis zu dem Punkte gelangt, bis zu welchem Sirkin rekognosziert hatte, und wir konnten also am nächsten Morgen weiterziehen, ohne unpassierbares Terrain befürchten zu müssen. Nach einer guten Weile erreichten wir endlich auf einem bequemen, flachen Passe den Kamm der Kette, die uns in den letzten Tagen die freie Aussicht nach Süden versperrt hatte. Von hier aus zeigte sich auf einmal die Möglichkeit für eine gute Tagereise nach Süden. Im Südwesten aber erhob sich eine vom Scheitel bis zur Sohle in Schnee gehüllte Bergkette, die nur unser alter Feind, der Arka-tag, sein konnte. Zwischen den beiden Bergketten, aber der, auf welcher wir uns befanden, näher liegend, dehnte sich ein abflußloses Becken aus, dessen Mitte ein kleiner, vollständig zugefrorener Süßwassersee bildete. Die Weide an seinen Ufern lud um so mehr zum Rasten ein, als wir jetzt wieder Kundschafter ausschicken mußten. Am nächsten Morgen in aller Frühe sollten drei Mann sich aufmachen. Entdeckten sie nach einem Ritte von 10 Kilometer Gras, so sollten sie alle zurückkehren, fanden sie aber keines, so sollte einer von ihnen uns Bescheid bringen und die anderen weiterreiten. Einer der Kundschafter kam mittags wieder, aber auf die beiden anderen mußten wir zwei volle Tage warten, worauf sie endlich mit der Nachricht heimkehrten, daß sie einen Paß entdeckt hätten, der allerdings nicht allzu bequem sei.
222. Ein Teil des Stallhofes unseres Serai. ([S. 91].)
Links Sirkin auf den Reissäcken, Turdu Bai vor dem Dromedar.
223. Schereb Lama auf dem „Gelbohr“ mit dem „Tiger“ an der Leine. ([S. 96].)
224. Der Tag vor dem Aufbruch aus Tscharchlik. ([S. 93].)
In diesem Lager, Nr. 18 (4733 Meter), wurde ein bedeutendes Kontingent unserer Gesellschaft entlassen. Die noch lebenden Esel waren in so jämmerlicher Verfassung, daß es barbarisch gewesen wäre, sie mit über den Arka-tag zu nehmen. Dowlet Karawan-baschi erhielt daher die Erlaubnis, zu retten, was sich noch retten ließe, und mit seinen fünf Eseltreibern wieder nach Norden zu ziehen. Im besten Falle wird eine geringe Zahl der Esel die Heimreise überlebt haben, aber der Alte hatte auch einige Pferde, die noch in gutem Zustande waren. Die Skelette und die Felle des Hirsches und des Bären wurden eingepackt, und Dowlet erhielt den Auftrag, sie mitzunehmen und nach Kaschgar zu schicken, wo ich sie ein Jahr später unversehrt vorfand. Ein gutes Geschäft machte er bei seinem Eseltransporte nicht, aber die Miete für die einzelnen Esel war so reichlich bemessen, daß er wenigstens den Wert der Tiere wiederbekam. Desgleichen wurden drei von unseren in Tscharchlik angestellten Dienern, Nias, Kader und Kurban, verabschiedet. Umkehren wollte keiner, aber da wir drei Männer gut entbehren konnten, wurden diejenigen ausgesucht, die sich bisher als die am wenigsten tüchtigen erwiesen hatten.