So dezimiert, setzten wir am 21. Juni die Reise nach Südsüdwesten fort, immer höher werdenden Regionen entgegen, auf vortrefflichem, langsam aufsteigendem Terrain von ungefähr der richtigen Härte und mit spärlichem Graswuchs. Wenn ich von Gras rede, darf sich der Leser keinen übertriebenen Hoffnungen für die Tiere hingeben. Die Gegend ist für gewöhnlich absolut steril, und wenn man gelegentlich kleine Flecke mit strohgelben, harten, scharfen, wenige Zentimeter hohen Halmen findet, nennt man dies Gras. Man tut gut, sich nicht allzuleicht bekleidet auf einem Hügel, wo solches „Gras“ wächst, auszuruhen, denn es ist hart wie Knochen und sticht wie scharfe Nadeln sogar durch ziemlich dicke Stoffe. So ist es mit der einzigen Nahrung bestellt, die sich unseren Tieren in diesem unwirtlichen Lande darbietet!

Der Zug schreitet ein ziemlich großes, breites Flußtal hinauf, das von den Schneebergen des Arka-tag, die sich uns als hindernde Mauer in den Weg stellen, herabführt. Wieder galt es, diese mörderischen Verschanzungen zu erstürmen; der Sturm gelingt, aber nicht ohne Verluste.

Zwei Antilopen fielen unter Schagdurs und Sirkins Kugeln. Als letzterer in vollem Galopp zu seiner Beute ritt, stürzte sein Pferd und überschlug sich; der Reiter wurde über den Kopf weggeschleudert und rollte auf dem Boden, das Pferd aber blieb tot liegen, sei es, daß es das Genick gebrochen hatte oder daß es vom Schlage gerührt worden war. Sirkin kam zu Fuß nach und besorgte sich bald ein neues, obwohl schlechteres Pferd; das tote, ein sehr schönes, kräftiges Tier, war sein besonderer Liebling gewesen.

Das Kamel, das die Paßerkletterungen verabscheute, kam auch heute nicht mit. Turdu Bai blieb bei ihm, traf aber abends allein im Lager ein. Am Morgen gingen ein paar Männer zu dem Kamele zurück, mit dem Auftrag, es totzustechen, wenn es ihnen nicht folgen wolle. Erst jenseits des Arka-tag erfuhr ich, daß sie es nicht hatten übers Herz bringen können, das Tier zu töten; es sei ganz gesund gewesen und werde sich sicher in der Spur der Karawane in seine Heimat zurückzufinden wissen. Nur zum Hinaufziehen nach noch viel höher gelegenen Gegenden habe es sich durchaus nicht bewegen lassen wollen!

Mein altes Reitkamel, Tschong Artan, wurde im Lager Nr. 19 von einem sonderbaren Übel ergriffen. Seine Hinterbeine waren wie gelähmt, und es konnte nur gehen, wenn ihm zwei Männer je eines der Beine aufhoben. Es tat mir stets weh, die Veteranen, die mich von Anfang an begleitet hatten, verlieren zu müssen, und sie wurden daher ganz besonders sorgfältig gepflegt. Schon jetzt hatten wir neun Kamele, die deutliche Anzeichen von Erschöpfung zeigten. Jedes von ihnen erhielt allabendlich ein großes rundes Weizenbrot. Mit diesem wichtigen Proviantartikel gingen wir eine Zeitlang sehr wenig haushälterisch um, und der auf neun Monate berechnete Vorrat reichte kaum für sechs aus. Aber die Last war für die jetzt schon zusammengeschrumpfte Karawane viel zu schwer und mußte um jeden Preis erleichtert werden. Lieber fütterten wir die Kamele tüchtig, als daß wir etwas unterwegs im Stiche gelassen hätten.

Der neue Patient wurde massiert und auf dem Marsche über den Arka-tag von seiner Last befreit. Das Tier erholte sich erstaunlich gut und war, wie ich schon erwähnt habe, eines der neun überlebenden Kamele, die Ladak erreichten. Es ging stets an der Spitze der Karawane und trug eine große Glocke.

Auf dem Tagemarsche nach dem neunzehnten Lagerplatze — von Tscharchlik gerechnet — hatten wir 32,3 Kilometer zurückgelegt. Es sollte lange dauern, ehe wir wieder imstande waren, einen so langen Weg ohne Unterbrechung zu machen.

Elftes Kapitel.
In Schneesturm über den Arka-tag.

Am 22. Juni wurde ich in aller Frühe geweckt. Obwohl der Morgen kalt und unfreundlich und die Jurte nur schwach erwärmt war, ging es mit dem Ankleiden gut, und es dauerte nicht länger als gewöhnlich, bis die Karawane marschfertig war. Heute, da das Erstürmen der Höhen des Arka-tag versucht werden mußte, sollte die ganze Karawane beisammenbleiben. Der Himmel sah nicht sehr verheißungsvoll aus, als der lange Zug sich langsam nach dem Passe hinauf zu bewegen begann.

Kaum einen Steinwurf vom Lager entfernt, legte sich eines der schwachen Kamele nieder. Die Last wurde ihm abgenommen, es stand auf und ging noch eine Strecke weit, sank dann aber kraftlos an einem Abhange nieder und war offenbar verloren. Mit einem Schnitte öffnete das Messer den Abfluß für einen schwarzen dicken Blutstrahl, der allmählich ein höchst eigentümliches Aussehen annahm. Stoßweise kam aus der Wunde weißer, Schlagsahne gleichender Schaum, unter diesem aber bildete das Blut ein Bächlein. Das Kamel lag ganz still und schien sich über die Erlösung zu freuen. —