Weiter ging es, das ziemlich wasserreiche Tal hinauf. Jetzt brach eines der fürchterlichsten Unwetter los, das ich je in Tibet erlebt habe. Es kam mit nordwestlichem Winde heran und schüttete Massen von Schnee und Hagel über uns aus. Der Schnee taute auf den Kleidern auf, und man wurde durch und durch naß; man wurde steif vor Kälte und suchte sich vergebens gegen den schneidenden Wind zu schützen. Die Steigung war unbedeutend, aber auf dieser Höhe und bei diesem Wetter dennoch vernichtend. Ein Kamel nach dem anderen blieb erschöpft stehen und wollte keinen Schritt weiter; sie wurden abgekoppelt und mit einem Wächter zurückgelassen. Zwei ließen wir mit ihren Lasten liegen, um sie später zu holen, den anderen mußten die Pferde tragen helfen.
Bei dem undurchdringlichen Schneegestöber sieht man von der Gegend keine Spur. Als die Sonne auf ihrer Mittagshöhe stand, herrschte Halbdunkel, und es schneite ununterbrochen. Der Schnee deckt alles zu, nur der Fluß bildet ein dunkles, gewundenes Band, und sein Rauschen klingt metallisch in der verdünnten Luft. Ich beuge mich vornüber im Sattel, um mein Kartenblatt, das schon durchnäßt ist, zu retten. Wohin es geht und wie es geht, weiß ich nicht; ich folge nur der nächsten Karawanenglocke. Langsam wie Schnecken kriechen wir nach diesem unheimlichen Passe hinauf, während der Weg allmählich immer steiler wird. Von Zeit zu Zeit durchschneidet ein Brüllen die Luft, und es erschallt der Ruf: „Tuga kalldi“ (ein Kamel ist stehengeblieben). Ein Mann erbarmt sich des müden Tiers und führt es langsam den anderen nach; bald ist er uns aus den Augen entschwunden.
Die Schneedecke wurde immer höher. Ich ritt mit dem Lama voran, um zu sehen, ob der Paß überhaupt den Übergang gestattete. An und für sich war er nicht schwer zu überschreiten; aber die große absolute Höhe und der Schnee! In unsere Mäntel gehüllt, saßen wir, auf die anderen wartend, auf dem Passe und suchten den Schutz, den uns die Pferde gewähren konnten. Der Sturm schlägt uns mit seinen feinen, scharfen Schneenadeln ins Gesicht; man zittert vor Kälte und ringt nach Luft auf dieser Höhe von 5189 Meter! Wir hörten das schwermütige Läuten der Glocken und das Rufen der Leute durch das hier oben mit verdoppelter Kraft rasende Unwetter, aber es dauerte lange, bis die ersten Ankommenden, Gespenstern gleich, zwischen wahren Wolkensäulen von wirbelndem Schnee erschienen.
Gott sei Dank, dachte ich, als ich wenigstens 30 von den 34 Kamelen, die es nach meiner Rechnung sein mußten, gezählt hatte. Zwei waren nicht mehr bis an den letzten Paßabhang gekommen, zwei waren dicht vor dem Passe zusammengebrochen. Unter den fehlenden waren auch das älteste Junge und seine Mutter; immerhin war es noch ein Glück, daß sie miteinander in den Tod gingen. Die Pferde bestanden die Probe ohne Schwierigkeit, und den Mauleseln machte es gar nichts aus. Sogar die Schafe fanden sich gut damit ab.
Die Südseite des Arka-tag dachte sich sehr allmählich ab, und wir durchschritten hier einen großen, offenen Kessel, der auf allen Seiten von verhältnismäßig niedrigen Bergen umgeben war. Das Erdreich aber war abscheulich. Der frischgefallene Schnee hatte sich in Schneeschlamm verwandelt, der bei jedem Schritt klatschte und den Fuß förmlich festsog. Große Umwege wurden gemacht, um die tückischsten Stellen zu umgehen. Es ist gar nicht daran zu denken, in solch einer Suppe zu lagern; Kamele und Kisten würden einsinken und so fest im Schlamme stecken, daß man sie überhaupt nicht wieder herausbekäme.
Noch als die Dämmerung schon einbrach, waren diese unheimlichen weißgekleideten Bergrücken Zeugen unseres mühevollen Zuges. Wir suchten jetzt nur nach einem trockenen Flecke, auf dem unser Lager Platz finden konnte; an Weide und Brennholz dachte keiner, das wäre zuviel verlangt gewesen. Endlich erreichten wir einen Kiesabhang, der die Nässe einsickern ließ; hier wurde gelagert.
Turdu Bai und mehrere der Leute fehlten noch und kamen erst gegen 10 Uhr an, nachdem sie die vier Kamele im Stiche gelassen hatten. Doch am 23. Juni kehrten sie bei Tagesanbruch mit einigen Pferden wieder zu ihnen zurück, um zu versuchen, ob sie sich nicht retten ließen, oder um wenigstens ihre Lasten und das Stroh der Packsättel zu bergen. Leider war es mit dieser Hoffnung nichts; die Tiere waren nicht mehr zu retten und mußten getötet werden. Wir verlassen sie nie, bevor es ganz feststeht, daß es mit ihnen zu Ende geht, und dann befreit sie das Messer von ihren Leiden. Ein warmer Blutstrahl schmilzt den Schnee zwischen den Steinen, auf denen ihr Gebein bleichen wird. Eines der Kamele war schon verendet und lag kalt und steif im Tale.
An diesem einen Tage hatten wir also fünf Kamele verloren, der größte Verlust an Tieren, den ich je erlitten habe, nicht einmal die Wüste Takla-makan ausgenommen! Die Kerntruppe der Karawane hatte sich um ein Siebentel verkleinert, und die Lasten werden jetzt den überlebenden Tieren zu schwer werden. Ich ließ diese Mehl und Mais fressen, soviel sie nur konnten, und auch die Pferde durften nach Herzenslust fressen. Wir legten nur noch 11 Kilometer zurück. Die Hauptsache war jetzt, einen leidlichen Lagerplatz zu finden, wo wir die Tiere nach ihren Strapazen aufatmen lassen konnten. Als wir daher über eine kleine Wasserscheide mit zwei zugefrorenen kleinen Seen gegangen waren und südlich davon am Ufer eines Baches einige kümmerliche Grasbüschel fanden, machten wir Halt. Einer von den übrigen Todeskandidaten unter unseren Kamelen kam nur noch mit Mühe bis an diesen Platz. Eins der Pferde, das fett und gesund aussah, starb ganz plötzlich im Lager. Jetzt begann der Abschnitt der Reise, währenddessen kaum ein Tag verging, ohne daß wir ein Grab hinter uns zurückließen. Von den Skeletten geführt, könnte man dem Wege der Karawane folgen; ein trauriger Weg, dessen Meilensteine Gerippe sind! Die Kamele pflegen, wie ich oft gesehen habe, zu weinen, wenn sie den Tod herannahen fühlen und das Blut in ihren Adern zu erstarren beginnt.
Jetzt durften wir uns endlich guten Wetters erfreuen. Die Sonne schien ordentlich warm, und alles trocknete von der Nässe auf dem Arka-tag. Hierdurch verringert sich das Gewicht der Lasten nicht wenig. Der Morgen des Johannistages war klar, aber vollständig winterlich. Sobald ich mein Frühstück und meinen heißen Tee erhalten hatte, inspizierte ich die Karawane. Heute wurde gemeldet, daß Hamra Kul, der Pferdeaufseher, ernstlich erkrankt sei. Er saß in seinem Zelte, sah elend aus und hatte überall Schmerzen; er erhielt Chinin und ein Reitpferd. Den Tag vorher hatten nämlich alle Muselmänner zu Fuß gehen müssen, weil die Pferde für die Lasten der gefallenen Kamele gebraucht wurden.
Dann ging es zu meinem prächtigen Reitpferd, das kaum auf seinen zitternden Beinen stehen konnte. Der Lama, der neben seiner Priesterwürde auch Arzt von Beruf war und eine ganze Kiste mehr oder weniger wirksamer Drogen aus Lhasa bei sich hatte, nahm sich seiner an und wollte dafür einstehen, daß er wieder Leben in das Tier bringen würde. Er öffnete ihm an beiden Vorderfüßen die Adern, so daß das dunkle Blut herausströmte. Dann verband er die Wunden, und das Pferd folgte uns mit stolpernden Schritten und erreichte abends das Lager. Mehrere Kamele waren elend, alle waren erschöpft, und einige gingen ohne Lasten. Man fühlt, daß der Tod die Karawane begleitet, sich seine Opfer auswählt und sie niederstreckt, und man fragt sich nur, an wen das nächste Mal die Reihe kommen wird. Die Hoffnung, in einigen Wochen wieder in günstigere, wärmere, grasreichere Gegenden zu gelangen, hielt uns jedoch aufrecht.