Der Johannistag verlief übrigens noch glücklich genug. Das Terrain legte uns keine Hindernisse in den Weg, und wir marschierten südwärts in einer Zickzacklinie, um die zahllosen kleinen Süßwasserseen und Tümpel, die das Hügelland kennzeichnen, zu umgehen. Die Seen sind gewöhnlich zugefroren. Dann aber erhob sich vor uns wieder eine nicht unbedeutende Kette, die bisher von den Hügeln verdeckt worden war. Turdu Bai, der stets an der Spitze ritt, wollte sie auf dem ersten besten Passe überschreiten, ich zog es aber vor, nach Westnordwesten in ein mächtiges Tal hineinzugehen, das sich in dieser Richtung hinzog. Beim ersten Weideplatz schlugen wir unser Quartier für die Nacht auf und wurden dabei mit einem schmetternden Hagelschauer traktiert.

Die erste Sorge im Lager ist das Untersuchen und Gruppieren der Tiere. Die gesunden dürfen frei umherlaufen, die schwachen müssen bei den Zelten bleiben. Der Lama ließ meinem Reitpferd noch einmal zur Ader und gab ihm darauf ein langdauerndes, eiskaltes Fußbad im nächsten Bache. Diese „Pferdekur“ muß doch heilsam gewesen sein, denn das Tier wurde sichtlich besser, graste eine Weile mit gutem Appetit und knabberte dann seine Maiskörner, wobei ihm die Augen vor Freude und Wohlbehagen leuchteten. Da wir sechs ganze Kamellasten Reis hatten, wurde beschlossen, unter den Mais für die Tiere künftig auch Reis zu mengen, um ihre Kräfte dadurch zu stärken und aufrechtzuerhalten, bis wir Gegenden mit frischem grünem Grase erreichten, und auch um die Lasten zu erleichtern. So verging dieser Johannistag glücklich und gut und ohne Verlust eines einzigen Lebens.

Ich war jetzt gerade zwei Jahre unterwegs und konnte dankbar und befriedigt auf die ausgeführte Arbeit zurückblicken.

25. Juni. Jetzt haben wir lange kein Brennmaterial gefunden, und die Saumleitern sind in demselben Verhältnis draufgegangen wie die Kamele. Ohne ein kleines Kohlenbecken in meinem Zelte kann ich nicht arbeiten. Die Morgen sind recht kalt, und die Nachttemperatur sinkt gewöhnlich unter Null herab, so daß die Erde ein paar Stunden gefroren bleibt, dann taut sie wieder auf.

Unsere Richtung führt jetzt fast ganz nach Westen, denn wir folgen noch immer dem Längentale, das mit dem Südfuße des Arka-tag parallel läuft. Wir legten nur 19,1 Kilometer zurück. Mein erstes Ziel ist der See, an dem wir am 28. und 29. September 1900 gelagert und bei dem ich damals eine astronomische Ortsbestimmung gemacht hatte, an die ich jetzt die neue Observationskette anknüpfen wollte.

Der Marsch war einförmig, wie er es in diesen breiten, leblosen, sterilen Haupttälern zu sein pflegt, wo eine Tierfährte eine außerordentliche Seltenheit ist. Es erweckte förmliches Aufsehen, als wir einmal entdeckten, daß eine Orongoantilope quer durch das Tal gelaufen war. Das Terrain ist stark wellenförmig, und die Aussicht nach vornhin erstreckt sich nicht sehr weit. Man geht einem die Aussicht versperrenden Landrücken entgegen, auf welchem der Führer und sein Pferd sich wie ein scharfer Schattenriß vom Himmel abheben, und man glaubt und hofft, daß der Mann dort ein endloses Panorama überblicken könne; doch man irrt sich, denn von dem Hügel sieht man nur ganz in der Nähe wieder einen solchen Landrücken. So geht es den ganzen Tag, bis wir endlich an einem ganz kleinen See rasten. Seine Fläche ist mit Eis bedeckt, an den Ufern aber ist offenes Wasser.

In der Dämmerung inspiziere ich wieder das Lager. Jetzt kommt es nie mehr vor, daß sich alle wohl fühlen. Hamra Kul ist wieder gesund, dafür aber hat jetzt Rosi Mollah, der Priester, Rachenkatarrh, und der alte Kameltreiber Muhammed Turdu klagt über Brustschmerzen. Beide bekommen Medizin, die dank ihrer eigenen Einbildungskraft auch hilft, und sind von allen Arbeiten befreit, bis sie wieder gesund sind. Mehrere von den anderen klagen über Kopfweh, weshalb sie je ein Antipyrinpulver nehmen müssen und damit getröstet werden, daß in diesen höheren Regionen niemand einem Anfalle von Bergkrankheit (Tutek) entgehen könne; ich selbst fühle jedoch keine Spur davon.

Mein Pferd ist entschieden außer jeder Gefahr, wird aber bis auf weiteres noch nicht zur Arbeit benutzt. Mehrere Kamele sind jämmerlich mager. Die zwei kleinen Füllen saugen und zerren an den Eutern ihrer Mütter, werden aber bei weitem nicht satt. Darum haben sie Weizensemmel fressen lernen müssen, die sie delikat finden und hinunterschlucken, aber man muß sie ihnen auch ins Maul stecken!

26. Juni. Heute herrschte ein höchst eigentümliches Wetter. Der Morgen war strahlend schön und die Luft sommerlich warm, aber schon früh erhob sich ein so außerordentlich heftiger Westwind, daß wir, die wir ihm gerade entgegenritten, nach Atem rangen und uns möglichst hinter denjenigen Kamelen hielten, die die höchsten Lasten trugen. Sich durch einen solchen Sturm durchzuarbeiten, strengt die Tiere, die es in der verdünnten Luft schon ohnehin schwer genug haben, noch mehr an. Man kann hier von einem Westpassate reden, so beständig scheint die Windrichtung zu sein. Als wir endlich unser Lager Nr. 61 vom vorigen Herbste erreichten, herrschte dort derselbe heftige Wind wie damals; Sand und Staub wirbelten in der Luft, und Zelte und Jurten drohten, zerfetzt und von den unglaublich gewaltsamen Windstößen fortgeweht zu werden.

Das heutige Lager, Nr. 24, fällt mit Nr. 61 vom vorigen Jahre zusammen, und ich gewann einen unschätzbaren Kontrollpunkt für die Karte. Von unserem früheren Besuche zeugten nur noch von den Feuern übriggebliebene Kohlen- und Aschespuren. Wir lagerten auf derselben Stelle am linken Ufer des kleinen Baches.