Der größere Teil des Sees war noch mit einer porösen Eisschicht bedeckt. Erst Mitte Juli wird der See wieder offen sein, aber nur, um Anfang November von neuem zuzufrieren. Die Eisverhältnisse sind natürlich bei den verschiedenen Seen sehr verschieden und richten sich nach dem Salzgehalt, der Größe und der mehr oder weniger geschützten Lage der Seen. Die kleinen Süßwassertümpel in der Nähe des Arka-tag sind den größten Teil des Jahres über zugefroren.
Heute herrschte jedoch Sommerwetter, und um 1 Uhr stieg die Temperatur trotz des heftigen Windes beinahe auf +20°. Es war ein warmer Luftstrom, ein richtiger Föhn, der über diese kalten, hohen Regionen hinfuhr; ein Sommerwind über einen zugefrorenen See.
225. Unser Lager in Jiggdelik-tokai. ([S. 105].)
226. Der Tscharchlik-su bei der letzten, scharfen Durchbruchsbiegung. ([S. 105].)
Während des Rasttages, den wir hier verlebten, hatte ich glücklicherweise Gelegenheit, eine Ortsbestimmung zu machen. Sirkin und Turdu Bai rekognoszierten das Land nach Westen hin und fanden dort keine Hindernisse auf unserem Wege. Um diesen wichtigen Knotenpunkt zu fixieren und deutlich zu bezeichnen, errichteten die Kosaken einen doppelten Steinhaufen von Schieferplatten, in welche Sirkin und Schagdur ihren Namen einmeißelten, während der Lama sein ewiges „Om mani padme hum“ in eine große Scheibe einritzte ([Abb. 235]). Dieser Obo steht auf einem Hügel am rechten Ufer und ist leicht zu finden, wenn später einmal ein Reisender seine Schritte nach dieser Gegend lenken sollte. Meine Karte ist überdies so detailliert, daß man mit ihrer Hilfe auf unseren Lagerplatz direkt wird zugehen können. Die Muselmänner wollten auch nicht zurückstehen und errichteten ihre eigene Steinpyramide; ein gewisser Ehrgeiz trieb sie an, diese höher aufzutürmen, als der „heidnische“ Obo war.
Am 28. Juni zogen wir längs des Ufers weiter. Es war wirklich herzerquickend, daß man heute nicht nötig hatte, die Kamele steile Abhänge hinaufkeuchen zu sehen; sie gingen ruhig auf dem festen ebenen Kiesufer. Im Südwesten kamen wir an noch einen See, dessen Ostufer uns zwang, nach Südosten abzubiegen. Meine Absicht war jetzt, noch eine Zeitlang möglichst nach Südwesten zu ziehen, um die schwer passierbaren Berggegenden, die wir von der vorjährigen Reise her kannten, zu vermeiden.
Der neue See, an dessen Ufer das Lager Nr. 25 aufgeschlagen wurde, war ebenfalls mit ziemlich dickem Eise bedeckt.
Am 29. Juni marschierten wir ganze 27 Kilometer. Anfangs ging es nach einem niedrigen Passe hinauf, der, wie die ganze Gegend, schneefrei war. Von hier hatten wir nach Süden hin die herrlichste Aussicht über ein neues, breites und flaches Längental, das sich in ostwestlicher Richtung hinzog und reich an Seen war. Der größte von diesen lag im Südwesten; daß er salzig war, konnten wir daraus schließen, daß er völlig eisfrei war. Auf seinem Südufer erhoben sich feuerrote, weich abgerundete Hügel, deren grelle Farbe sich ebenso scharf von der sonst einförmig grauen Landschaft abhob wie der herrliche, rein marineblaue Wasserspiegel des Sees. Im Südosten und Süden zeigten sich drei dominierende Schneegipfel.