Jetzt handelte es sich nur darum, Wasser zu finden. In dem nach dem See hinunterführenden Tale floß ein Bach, der aber salzig war, und auf dem Westufer des Sees gab es keine Quellen. Eine Strecke weiter entdeckte Schagdur, der vorausritt, einen Fluß, an dem wir inmitten kärglicher Weide rasteten. Wie meistens in den offenen Tälern machte sich der Westpassat mit aller Kraft geltend. Ein Blatt aus meinem Notizbuche löste sich und flatterte im Winde dem nahegelegenen See zu, aber der Lama setzte sein Pferd in scharfen Trab und fing das Blatt im letzten Augenblicke noch glücklich auf. Bei Sonnenuntergang herrschte vollkommene Windstille; aber um 8 Uhr tobte ein Nordsturm von 17 Meter Geschwindigkeit in der Sekunde! Sein klagendes Geheul übertönte alle anderen Laute und wurde nur gelegentlich von dem Geschrei der Männer durchdrungen, wenn sich etwas gelöst hatte und fortfliegen wollte.
Erst gegen Morgen legte sich der Sturm, und der neue Tag brach klar und schön an, obwohl der Passat noch ununterbrochen aus Südwest wehte. Ohne allzu große Anstrengungen überwanden wir die Höhen, die sich auf der Südseite des Sees hinziehen, und ich brauchte kein schwarzes Kreuz in den Kalender zu zeichnen. Der Marsch war freilich recht beschwerlich, denn wir mußten über drei Pässe, ehe wir wieder an fließendes Wasser gelangten, in dem wir rasch den Oberlauf desselben Flusses, an welchem wir zuletzt gerastet hatten, erkannten. Hätten wir hiervon eine Ahnung gehabt, so hätten wir uns natürlich die Pässe geschenkt und wären in dem harten Bette, in dem es sich vorzüglich marschierte, weitergezogen. Doch es sind ja unbekannte Teile der Erdrinde, die wir durchziehen, und dies ist gerade das Einzigschöne an der ganzen Reise.
Am 1. Juli gingen wir 27½ Kilometer nach Süden. Ich hatte allen Grund zu vermuten, daß, wie unser Schicksal sich auch gestalten würde, mit diesem Tage ein ereignisreiches Halbjahr beginnen werde. Auf unserem Wege erhob sich eine gewaltige Bergkette, deren höchste Partie, die mit einer ewigen, eisartig glänzenden Schneehaube bedeckt war, auf einer von beiden Seiten umgangen werden mußte. Tschernoff, der die westliche untersucht hatte, kam uns auf halbem Wege mit der Nachricht entgegen, daß dieser Weg für die Kamele unmöglich sei. Tscherdon und der Lama hatten auf der Ostseite mehr Glück gehabt, bereiteten uns aber auf einen schweren Übergang vor.
In langsamem Tempo schritt die Karawane nach der schwindelnden Höhe hinauf. Die Steigung nimmt zu, der Fluß wird immer wasserreicher, je mehr wir uns dem ewigen Schnee nähern, von dessen schmelzenden Zungen in den Klüften eine ganze Reihe kleiner Bäche in Schuttbetten herunterrieseln. Im Hauptbett ist das Wasser ganz rot und dick und wälzt sich dumpf und schwer talabwärts. Jegliche Vegetation hat aufgehört, nicht einmal ein Moosfleckchen kann in dem Schutte wurzeln und gedeihen. Endlich haben wir den letzten steilen Abhang besiegt. Die Kamele atmen laut und schwer, die Leute, von denen viele haben zu Fuß gehen müssen, um die Lasten zu überwachen, sinken kraftlos zu Boden, da es ihnen schwarz vor den Augen wird. Ganz oben auf dem Passe erwartet uns der Lama; sein rotes Gewand macht sich weniger als gewöhnlich geltend, denn die Gesteinart ist rotes Konglomerat, und die ganze Landschaft schillert in roten Schattierungen.
Obwohl fünf Kamele schwach waren und drei ohne Last gingen, erreichten sie alle diesen 5337 Meter hohen Paß, der also bedeutend höher als der Arka-tag, aber schneefrei ist. Ein Glück war, daß wir diesmal von einem Schneesturm verschont blieben. Der Südabhang dieses dominierenden Gebirgsstockes war dagegen fast ganz schneefrei. Doch sammelte sich auch hier ein ziemlich bedeutender Fluß, der nach Südosten abbog und zwischen einem Gewirr von Bergen verschwand. Wie schon so oft, konnten wir nicht feststellen, wo er blieb. Wahrscheinlich ergießt er sich in irgendeinen versteckt liegenden See. An seinem rechten Ufer wurde das Lager Nr. 28 aufgeschlagen. Von Weide und Brennmaterial konnte an diesem wüsten Orte nicht die Rede sein.
Es ist jetzt eine ausgemachte Sache, daß die Medizinkiste in jedem Lager herhalten muß. Tschernoff hatte wütende Kopfschmerzen, Turdu Bai klagte über Stechen in dem einen Auge und wurde mit Kokain behandelt, dessen Wirkung ihm ungeheuer imponierte. Hamra Kul ging es am Tage vorher ebenso, als ich ihm sein Zahnweh mit Zahntropfen stillte. Es war wohl mehr der Neugierde zuzuschreiben, daß heute wieder drei Patienten, besonders Islam Ahun aus Tscharchlik, über Zahnschmerzen klagten. Sie wollten wahrscheinlich ausprobieren, ob Hamra Kuls lebhafte Beschreibung von der Kraft des Heilmittels mit der Wirklichkeit übereinstimmte. Am schlimmsten steht es mit Muhammed Tokta, der über sein Herz klagt und an Schlaflosigkeit leidet. Er ist schon lange von aller Arbeit entbunden und sollte sie nie wieder aufnehmen können. Von Zeit zu Zeit gab ich ihm Morphium zum Schlafen.
Die Medizinkiste wurde als ein wundertuender Talisman betrachtet. Sobald sie hervorgeholt wurde, versammelten sich alle, die gerade nichts zu tun hatten, vor meinem Zelte. Viele bittende Blicke wurden während der monatelangen Reise auf den Blechdeckel der Kiste gerichtet. Ich selbst war so glücklich, von ihrem Inhalt nie Gebrauch machen zu müssen.
Auch am 2. Juli wurde ein schöner Marsch von 26½ Kilometer gemacht, der uns durch eine Landschaft aus rotem Sandstein führte. Von dem schlechten Grase wenig gesättigt, müssen die Kamele täglich ihre schwere Lasten geduldig weiter über die Berge schleppen. Das Schlimmste ist, daß sie selbst leichter werden und von ihrem eigenen Fette zehren, das nicht ersetzt werden kann, weil sie keine genügende Nahrung erhalten. Von dem Mais sind jetzt nur noch drei große Säcke übrig. Werden wir Gegenden mit besserer Weide erreichen, ehe es zu spät ist?
Eine recht ansehnliche Bergkette zwingt uns, nach Südwesten zu gehen. Mehrere Tümpel und kleine Seen glitzern im Sonnenschein. Hier wanderte eine nichts Böses ahnende Orongohindin mit ihrem wenige Tage alten Jungen, das von Jolldasch gejagt, eingeholt und sofort totgebissen wurde. Ich bat Schagdur, die Mutter zu verfolgen, um ihrem Gram ein Ende zu machen, aber sie entkam, und ich habe es nicht verhindern können, daß sie noch lange voller Kummer ihr Kind suchen wird.
Endlich finden wir ein nach Süden hinabführendes Flußtal. Nach und nach wurde es weniger bequem, als wir gehofft hatten, denn es drängte sich zu einem scheußlichen gewundenen Korridor zusammen, und der Boden desselben war mit Sandsteinplatten bedeckt, an denen die Kamele sich die Füße verletzten. Wir verlassen daher das Tal und ziehen über einen niedrigen, hügeligen Paß, auf dem Sirkin eine viel zu wenig scheue Antilope erlegte. Jolldasch stürmte blindlings auf das verwundete Tier los, wurde aber sehr kleinlaut, als sich ihm zwei spitze Hörner entgegenstreckten. Fleisch hatten wir stets in genügender Menge. Den Hunden ging es von der ganzen Gesellschaft am besten. Auch wenn die Jagd schlecht gewesen wäre, hätten sie doch an dem Fleische der gefallenen Karawanentiere übergenug gehabt. Jagd durfte nie als Sport betrieben werden, sondern nur wenn wir Fleisch brauchten. Wir mußten auch an die Munition denken. Augenblicklich hatte noch jeder Kosak 142 Patronen, welcher Vorrat allerdings völlig ausreichend war, wenn vernünftig damit umgegangen wurde; aber man konnte nicht wissen, was die Zukunft in ihrem Schoße barg, und daher mußten wir damit sparsam sein.