Von einer letzten, schwachen Schwelle erblickten wir wieder einen kleinen See. Sein südliches Ufer glänzte grün, und nach einer Weile befanden wir uns auf Gras, das freilich außerordentlich dünn und niedrig stand, aber doch besser war als seit langer Zeit, denn es war von diesem Sommer und weich. Kulanmist zur Feuerung war gesammelt worden, es blieb nur noch das Wasser zu versuchen. Tschernoff fand es schlecht, Tscherdon meinte, es sei ganz süß; Schagdur wollte es auch probieren und fand es mäßig. Es half schließlich nichts, ich mußte selbst absteigen, um zu kosten, und ich war der Ansicht, daß wir damit zufrieden sein könnten.
Ein charakteristischer Zug der Windverhältnisse dieser Gegenden, den ich seit mehreren Tagen beobachtet hatte, war folgender. Der Passatwind endet mit Sonnenuntergang; in der Dämmerung ist es so windstill, daß ich bei freibrennendem Licht und offener Tür Mittag esse. Gleich nach 8 Uhr erhebt sich ein nördlicher Sturm und bringt das Lager in Aufregung Alle müssen sich beeilen, ihre Zeltleinen straffzuspannen, die Zelte zu verankern und alle zufällig noch draußen umherliegenden Sachen in Sicherheit zu bringen. Die Funken stieben so dicht wie Kometenschweife um die Feuer, und es heißt aufpassen, daß sich auf der Seite, nach der der Wind weht, nichts Entzündbares befindet. Der Sturm hält wenigstens so lange an, als ich wach bin, d. h. bis Mitternacht, doch wenn ich morgens geweckt werde, also kurz vor 7 Uhr, ist die Atmosphäre wieder im Gleichgewicht. Hier gibt es also zwei herrschende Winde, einen westlichen und einen nördlichen, einen bei Tage und einen nachts wehenden.
Vor dem Sturme gewährten unser Lager und seine Umgebungen an diesem Abend einen wirklich idyllischen Anblick, wenn man sich eines solchen Ausdruckes zur Bezeichnung einer tibetischen Landschaft bedienen darf. Die Sonne war untergegangen, aber im Westen sah man noch ihren Purpurschein. Im Osten stieg am dunkelblauen Horizont blaßgelb und kalt der Vollmond auf, dessen Licht durch einen dünnen leichten Abendnebel noch mehr gedämpft wurde.
Die auf den Hügeln zerstreuten Tiere weiden gierig ([Abb. 236]). Die Todeskandidaten unter den Kamelen liegen dicht aneinandergedrängt unter ihren weißen Filzmänteln neben Turdu Bais Zelt. Auch die beiden Jungen und ihre Mutter werden mit besonderer Sorgfalt gepflegt und bringen die ganze Nacht in liegender Stellung zu. Die kleinen Tiere werden stets zwischen zwei große Kamele gelegt, von denen eines die Mutter ist. Alle anderen Tiere weiden draußen im Mondschein, von ihren Wächtern und den Hunden vor den Wölfen geschützt, von denen wir in den letzten Tagen in der Gegend mehrfach Spuren gesehen haben.
Wir rasteten hier noch einen Tag. Ein Pferd, das gestern zurückgelassen worden war, kam heute an. Die gewöhnlichen Windgesetze gelangten auch heute zur Geltung, obwohl der Nordsturm früher als sonst einsetzte. Nachdem er über die Erde hingefahren ist, sieht diese merkwürdig reingefegt aus.
Nach meiner Ortsbestimmung mußte dieses Längental dasselbe sein, in welchem wir im vorigen Herbst Aldat begraben hatten. 30 Kilometer weiter östlich würde ein Wanderer zu seinem Erstaunen das einsame, verlassene, mit einem flatternden Yakschwanze geschmückte Grab des Jägers finden.
Am 4. Juli ging es beinahe direkt nach Süden über schwach wellenförmiges Land mit dünnem Graswuchs, zahlreichen Salztümpeln und ziemlich vielem Wild, besonders Kulanen und Antilopen. Yakdung ist sehr häufig und obendrein alt und trocken, so daß wir genügend Brennmaterial einsammeln konnten. Auch der Boden ist im allgemeinen merkwürdig trocken, ganz anders als im vorigen Herbst, wo wir hier beinahe im Schlamm ertranken. Es ist jetzt aber auch lange her, seit Niederschläge gefallen sind. Jetzt wirbelt der Staub im Winde hinter der Karawane auf.
Vor uns erhebt sich drohend ein neuer Paß. In einem mit Schutt bedeckten, ziemlich stark ansteigenden Tale gehen wir langsam nach dem Kamme hinauf, dessen Höhe 5210 Meter beträgt. Ein unbeladenes Kamel kann nicht mitkommen und wird mit einem Wärter zurückgelassen. Droben auf der Höhe gibt es keine andere Vegetation als Yakmoos. Die Aussicht nach Süden ist umfangreich; wir sehen nach dieser Richtung hin wohl vier Tagereisen weit, und keine unüberwindlichen Hindernisse drohen uns. Anders sieht die Landschaft im Norden aus, woher wir gekommen sind, denn dort türmen sich eine Menge Ketten und Kämme über- und durcheinander, und der Horizont wird von der Kette mit dem unterhalb des ewigen Schnees liegenden Passe abgeschlossen.
Die Landschaft schillert in blassen Farbenschattierungen, in denen Rot in verschiedener Stärke vorherrscht. Nur schwache Anflüge von Gelb und Grün deuten die Weideplätze an, die wir eben verlassen haben. Das Land erinnert an ein Wüstenbild. Hier und dort glänzen Schneestreifen, und über dem Ganzen wölbt sich der türkisblaue Himmelsdom.
Der vom Passe hinabführende Abhang, auf dem die Gesetze der Schwere den Kamelen wieder zu Hilfe kommen, wird von uns als eine Erholung betrachtet. An dem ersten Punkte, wo es wieder Gras gab, schlugen wir unsere luftigen provisorischen Hütten auf (5054 Meter). In einem trockenen Bette wurde ein Brunnen gegraben, der bald gutes Wasser gab, und am folgenden Morgen wurde eine Quelle entdeckt, an welcher Sirkin und Tscherdon zwölf Rebhühner schossen. Zwei Yake mußten ins Gras beißen. Wir haben es freilich gut, aber die Kamele, die aufs Weiden angewiesen sind, sehen mager und elend aus. Die Pferde sind nicht viel besser daran. Eines muß in diesem Lager Nr. 30 geschlachtet und den anderen muß ein Ruhetag gegönnt werden.