An den Rasttagen sind Schagdur und der Lama mit der Herstellung meines Mongolengewandes beschäftigt. Mit dem Lama ist eine merkliche Veränderung vorgegangen; sein Mut ist gewachsen, und er sehnt sich nach Süden und nach Lhasa zurück. Der mongolische Unterricht geht ununterbrochen weiter, und der Lama zeichnet für mich Pläne der heiligen Stadt, ihrer Tempel und ihrer freien Plätze. Er sieht die ganze Reise jetzt in hellerem Lichte an als früher und pflegt seine Ansicht darüber in folgender, außergewöhnlich intelligenter Redensart auszudrücken: „Mo bollne ikke mo bollne gué, sän bollne ikke sän bollne“ („Geht es uns schlecht, so geht es uns nicht sehr schlecht, geht es aber gut, so geht es uns sehr gut“).

Jeden Abend Schlag 9 Uhr mache ich eine Visite in der großen Jurte, die von Schagdur, Sirkin und dem Lama bewohnt wird. Es gilt, das meteorologische Journal für den Tag zu kontrollieren und das Thermohypsometer abzulesen, was ich stets selbst tue. Dann bleibe ich bei ihnen sitzen und plaudere eine Weile mit ihnen über unsere Zukunftsaussichten, und Turdu Bai und Hamra Kul müssen mir über das Befinden der Tiere Bericht erstatten. Wenn ich es für nötig halte, instruiere ich dann auch den oder die Männer, welche am folgenden Morgen rekognoszieren sollen. Heute Abend wurde mir mitgeteilt, daß kaum noch ein Sack Mais übrig sei und wir, wie es uns auch ginge, den Tieren so viel Reis und Mehl wie nur irgend möglich abtreten müßten. Turdu Bai hielt es für durchaus notwendig, nach Gegenden mit Weide zu eilen und dort die Kamele sich mindestens einen Monat lang wieder kräftigen zu lassen. Ja, sie sollten sich nachher auch ausruhen, wenn ich nach Lhasa ritt.

Eine zweite wenig erfreuliche Nachricht war, daß noch alle vorhandenen Schafe im Laufe des Tages durchgebrannt seien. Die meisten Muselmänner waren schon auf der Suche. Erst in der Dämmerung hatte man die Tiere vermißt. Tschernoff hatte sich zu Pferd aufgemacht und einige Hunde mitgenommen. Ich fürchtete, daß es den Schafen am Ende ebenso gegangen sein würde, wie wir es im vorigen Jahre schon einmal erlebt hatten, und mir graute vor der Strafpredigt, auf die ich mich vorbereiten mußte. Tatsächlich war das Kommando über die Herde viel zu sehr dem Leithammel Wanka überlassen worden, der indessen dieses Amt mindestens ebenso gut ausgeübt hatte wie ein Muselmann. Müde kamen die Suchenden gegen 9 Uhr zurück und wollten noch eine Stunde warten, bis der Mond aufging und ihnen erlaubte, der Spur der Herde zu folgen. Erst um Mitternacht wurde es im Lager lebendig, denn da brachte die ganze Gesellschaft die unversehrten Schafe vollzählig wieder heim. Die Tiere waren ein Tal hinaufgegangen und hatten sich in ein tiefes Flußbett gelegt.

6. Juli. Die Marschgeschwindigkeit nimmt in demselben Maße ab, wie die Kräfte der Tiere sinken. Selten sind wir imstande, mehr als 20 Kilometer zurückzulegen. Ich ziehe es dann vor, auf meinem jetzt ganz wiederhergestellten Pferde mit dem Lama vorauszureiten, und, wenn wir die Karawane aus den Augen verloren haben, auf einem Passe zu rasten. Die Kamele waren heute schlaffer als gewöhnlich, und es dauerte daher lange, bis das Glockengeläute näherkam.

Still und feierlich wie ein Friedhof dehnt sich dieses öde Gebirgsland vor uns aus, in das bisher noch nie ein Mensch seinen Fuß gesetzt hat. Auf allen Seiten umgibt uns die ursprünglichste und ganz unberührte Natur. Wir durchziehen sie seit Wochen und Monaten und sind stets die einzigen Menschen, die diesen Teil der Erde bevölkern.

Noch immer herrscht derselbe Parallelismus wie in den Gegenden, die wir im vorigen Jahre durchreisten; alle Ketten und Kämme und alle Längentäler haben eine westöstliche Richtung, und wenn man, wie wir, nach Süden zieht, muß man sie alle in der Quere überschreiten. Kaum eine Tagereise geht zu Ende, ohne daß wir einen Paß überschritten haben, und gewöhnlich haben wir mit dem Tagemarsch zugleich auch ein paar Pässe hinter uns.

Auch heute hatten wir einen recht fühlbaren Paß, der sich nicht umgehen ließ. Merkwürdigerweise ist jedoch anstehendes Gestein eigentlich eine Seltenheit. Sowohl diesen wie den folgenden Tag wanderten wir über ganz weichen Boden, wo man nur auf dem Grunde der Täler Schutt findet. Später wurde der Boden sandig und infolgedessen trocken und tragfähig; auch das Gras wurde ein bißchen besser, als es bisher gewesen war. Wir lagerten an einer kleinen Quellader. Ein paar Kamele waren zurückgelassen worden, wurden aber abends geholt. Eines von ihnen war mein alter Reisekamerad von 1896; er blickte mit seinen glänzenden, rabenschwarzen Augen auf dieses Land, das ihm bald das Leben kosten sollte, und ging auf zitternden Beinen, als Sirkin ihn vor den photographischen Apparat führte ([Abb. 237]). Ich wollte mir sein Bild zur Erinnerung an die Dienste, die er mir geleistet, aufheben. Daß er bald sterben würde, war klar. Noch hielt er sich jedoch tapfer und schien beschlossen zu haben, seine Gebeine nicht eher der Erde zu schenken, als bis er keinen Schritt mehr gehen konnte. Hocherhobenen Kopfes stand er mit dem Packsattel in seinem weißen Mantel da und ahnte vielleicht, daß er bald von uns scheiden würde. Er hatte schon angefangen zu weinen, was die Leute für ein untrügliches Zeichen halten. Jetzt bekam er ein großes Weizenbrot und sollte keine Last mehr zu tragen brauchen.

Am 7. Juli begünstigte uns das Terrain in hohem Grade. Im Süden zeigte sich wieder ein See, nach dessen Ostufer wir hinsteuerten. Es kostete uns den ganzen Tag, nach seinem Südufer zu gelangen. Das Tal, dessen Mitte dieser mittelgroße See einnimmt, ist kesselförmig, flach und offen, und auch der See ist beinahe rund und tritt durch seine starken, frischen Farben sehr hervor. Das Wasser ist rein und grellblau und ist mit einem ziemlich breiten Gürtel von blendendweißen Salzkristallisationen umgeben, die von fern wie Eis oder Schnee glänzen. Am Westufer erheben sich ziegelrote Höhen.

Es war lebensgefährlich, sich dem feuchten eigentlichen Uferstreifen zu nahen, denn er bestand ausschließlich aus salzhaltigem Schlamm, und es war nicht leicht, eine Kanne Wasser zum Untersuchen herbeizuschaffen. Kutschuk mußte sich eine Art improvisierter Schneeschuhe an die Füße binden, um an den Rand des Sees gelangen zu können. Das Wasser war derartig mit Salz gesättigt, daß das Aräometer halb über der Oberfläche schwamm; die Skala genügte natürlich nicht entfernt, sondern es mußte eine besondere Marke in das Glas geritzt werden.

Dieser heimtückische Schlammstreifen war durch eine ausgeprägte Wulst scharf von den Abhängen getrennt, die noch etwas Gras trugen und auf denen wir ohne Gefahr hinziehen konnten. Im Südosten drohte uns der nächste Paß; wir wollten in der Mündung des zu ihm hinaufführenden Tales lagern. Es handelte sich nur darum, Wasser zu finden, das es hier nicht in solchem Überflusse gab wie im Arka-tag. Der Niederschlag war zu unserem Glück in der letzten Zeit unbedeutend gewesen; morastiger Boden hätte unsere erschöpften Kamele umgebracht.