Jetzt ritt Schagdur voraus und meldete, er glaube kaum, daß die Kamele imstande sein würden, die nächste Schwelle zu überschreiten, da diese zu hoch für sie sei. Schon waren drei zurückgeblieben, auf die wir je eher, desto besser warten mußten, unter ihnen mein großer Veteran. Daher machten wir bei einem Tümpel Halt, obwohl die Weide dort schlecht war. Den Tag darauf schleppten sich zwei von den drei zurückgelassenen Kamelen noch nach dem Lager hin, das dritte lag kalt und steif auf dem Flecke, wo wir es verlassen hatten.
Daß es so nicht weitergehen konnte, war klar. Eine Veränderung mußte in der Marschordnung vorgenommen, alle schwachen Tiere mußten ausgeschieden werden, mit dem Reste würde ich dann in längeren Tagemärschen nach Süden ziehen. Zunächst mußte die Gegend rekognosziert werden, denn jetzt hatten wir das Gefühl, in einem Sacke zu stecken, aus dem wir irgendwo heraus mußten. Tschernoff ritt nach Osten und fand das Terrain dort ganz unmöglich und von steilen Bergen versperrt. Mollah Schah, der es nach Süden hin versucht hatte, erklärte, er sei dort über einige kleinere Pässe geritten, die nicht besonders schwierig seien.
Dann wurde die Auslese vorgenommen. Elf Kamele, von denen fünf die letzten Tage schon keine Last mehr getragen hatten, und sechs Pferde sollten hier zurückgelassen werden, um sich einige Tage auszuruhen und dann unserer Spur in kurzen Tagemärschen nachgeführt zu werden. Dieser wichtige Auftrag wurde Tschernoff anvertraut; er wurde Chef der Nachhut, die außerdem noch aus Rosi Mollah, Mollah Schah, Kutschuk, Chodai Kullu und Almas, einem Tscharchliker, dessen hochtönender Name „das Juwel“ bedeutet, bestehen sollte. Die vier Hunde Maltschik, Hamra, Kalmak und Kara-Itt gehörten auch zur Gesellschaft, ebenso ungefähr die Hälfte des noch vorhandenen Dutzends der Schafe.
Die Auslese der untauglichen Kamele wurde von Turdu Bai und den Kosaken sorgfältig gemacht. Es waren ihrer zehn, aber beim Aufbruch wurde noch eines zurückgestellt. Acht Kamellasten, die beinahe ausschließlich aus Proviant bestanden, sollten von der Nachhut übernommen und auf die elf Kamele verteilt werden. Alle Instrumente und wichtigeren Dinge nahmen wir mit.
Ganz richtig war es wohl nicht, die Karawane gerade jetzt zu teilen, da wir uns bewohnten Gegenden näherten und vielleicht nötig haben konnten, in voller Stärke aufzutreten. Doch es blieb uns keine Wahl, und auch die Nachhut war mit zwei Gewehren und mehreren Revolvern bewaffnet.
Tschernoff hatte Befehl, noch zwei oder drei Tage im Lager Nr. 33 zu bleiben und dann unseren Spuren zu folgen, die in dem Boden ziemlich lange erkennbar sein mußten. An Stellen, wo man ein schnelles Verschwinden der Spuren befürchten konnte, wie in Talfurchen oder auf festgepacktem Schutt, wollten wir kleine Steinmale errichten. Wo ich mit der Hauptkarawane bleiben würde, wußte ich selbst nicht; es würde von Umständen, die uns unbekannt waren, und besonders von dem Vorkommen von Weide und menschlichen Spuren abhängen. Doch das spielte keine Rolle, denn selbst wenn Tschernoff einen ganzen Monat unterwegs sein sollte, hatte er ja nur der Spur zu folgen, bis er ins große Hauptquartier gelangte.
Zwölftes Kapitel.
Die ersten Tibeter.
Während des Rasttages im Lager Nr. 33 trat ein Umschlag im Wetter ein. Der Morgen war herrlich und klar, aber um die Mittagszeit schmetterte eine heftige Hagelbö auf uns herab, und bald folgte ihr eine zweite. Nachher sprühregnete es den ganzen Tag, und abends stürzte ein anhaltender Gußregen auf unsere Zelte nieder. Das eintönige Rauschen des Regens ist kein Vergnügen, wenn man weiß, daß alle Lasten dadurch an Gewicht zunehmen, Zelte und Jurten schwer und naß werden und das Erdreich aufweicht und sumpfig wird. Heute brauchte man nur ein paar Schritte ins Freie zu tun, um sich an den Stiefeln zolldicke Sohlen von Erde und Schlamm zu holen.
Am 10. Juli nahmen wir von den Leuten der Nachhut Abschied. Tschernoff hatte erkannt, daß es ihm als großes Verdienst angerechnet werden würde, wenn er möglichst viele von den elf Kamelen mit ins Hauptquartier brächte.
Nachdem es die Nacht tüchtig geschneit hatte, lag das Land wieder kreideweiß und winterlich da; der Boden war glatt und schlüpfrig, und dunkle Wolken segelten in rastloser Jagd nach Osten. In den trostlosen Umgebungen nahm sich die zurückbleibende Karawane noch erbärmlicher als gewöhnlich aus. Von den Tieren fanden es nur einige wenige der Mühe wert, in dem Schneeschlamme zu waten. Die anderen lagen und ruhten sich aus. Das Lager selbst sah trostlos elend aus, aber die Muselmänner wünschten uns glückliche Reise, und ich drückte Tschernoff zum Abschied die Hand; ich würde meinen tüchtigen, zuverlässigen Kosaken ja erst nach meiner Rückkehr von der Pilgerfahrt wiedersehen — wenn ich mit dem Leben davonkam.