Den ganzen Tag über war das Wetter unfreundlich. Ein anhaltender Hagelschauer war so heftig, daß wir halten und, in unsere Mäntel gehüllt, warten mußten, bis er vorüber war. Die Sonne, die sich darauf eine Weile zeigte, trocknete unsere Kleider, bis die nächste Bö uns wieder durchnäßte. Ich ritt mit dem Lama voraus und suchte nach einem Marsche von 23½ Kilometer den Lagerplatz aus. Obwohl die Karawane jetzt, da wir alle erschöpften Tiere zurückgelassen hatten, besser und schneller als gewöhnlich marschierte, mußten wir doch eine gute Weile auf sie warten, welche Gelegenheit der Himmel benutzte, um uns noch eine gründliche Dusche zu geben. Der Lama saß geduldig still, betete mit philosophischer Ruhe sein „Om mani padme hum“ und ließ dabei die 108 Perlen seines Rosenkranzes durch die Finger gleiten, während ich mich in eine Filzdecke hüllte, die stets auf meinen ungarischen Feldsattel geschnallt war.
Die Tagereise bot im großen und ganzen ziemlich vorteilhaftes Terrain, besonders nachdem wir zwei kleinere Pässe überschritten hatten. So weit zogen wir alle miteinander. Auf dem Südabhange des Passes grasten sechs Yake, und da die Jagd seit einigen Tagen keinen rechten Ertrag geliefert hatte, sollten jetzt Sirkin und Schagdur unseren Fleischvorrat verstärken. Nur ungern bequemen wir uns dazu, die Schafe zu schlachten, denn wir betrachten sie immer mehr als Kameraden, und überdies ist ihr Fleisch wenig wohlschmeckend, da die Tiere beständig in Bewegung sind und sich nicht satt fressen können. Die Kosaken erlegten je einen Yak, und Turdu Bai und Ördek begaben sich mit Messern und Beilen nach der Walstatt, um die besten Stücke für uns mitzunehmen.
Auf dem Passe (5186 Meter) wurde uns ein erfreulicher Anblick zuteil: wir sahen gleichmäßig offenes Land für ein paar Tagereisen. Aber in die Freude mischte sich auch Wehmut, denn im Südosten, Süden und Südwesten glänzte eine Kette mit gewaltigen Schneefeldern, die wir nicht würden umgehen können. In dem breiten Längentale, das sich wie gewöhnlich von Osten nach Westen bis ins Unendliche erstreckt, war die Weide knapp und bestand meistens aus Moos und wildem Lauch. Den letztern haben alle gern. Er wird in meine Suppen geschnitten; die Muselmänner kauen ihn roh und sagen, daß er gegen Bergkrankheit wirke, die Kamele fressen ihn mit wahrer Gier und ziehen ihn allem anderen vor. Wenn auf den Lagerplätzen weiter nichts zu tun ist, läßt Turdu Bai alle Mann Lauch pflücken, und auch während des Marsches macht er an Stellen, wo der Lauch dichter steht, einige Minuten Halt, um den Kamelen Zeit zum Abreißen der saftigen, wohlschmeckenden Stengel zu geben.
Wir befanden uns hier im Lager auf einer Höhe von 4982 Meter. Der 11. Juli war der Jahrestag zweier Ereignisse, die auch mit hohen absoluten Zahlen zu tun hatten und zu denen ich jetzt mit meinen Gedanken lebhaft zurückkehrte. Heute sind es vier Jahre, seit Andrée seinen kühnen, in jeder Beziehung glänzenden Ballonaufstieg von Spitzbergen machte und die Reise antrat, von der er nicht zurückkehren sollte. Ich sage absichtlich „glänzenden“, denn der Plan selbst war so kühn und großartig, daß keine andere Nation ein Gegenstück dazu aufweisen kann! Und die drei Märtyrer der Wissenschaft, die wir da verloren, hatten gezeigt, daß es noch tüchtige Männer im Schwedenlande gibt.
Am 11. Juli sind auch elf Jahre vergangen, seit ich den Gipfel des Demawend bestiegen hatte. Auch damals hatte ich einen saueren Tag, um meine 5715 Meter zu erreichen, aber damals handelte es sich um eine einzige, von freundlichen, lachenden Tälern umgebene Bergspitze, jetzt dagegen um endlose Räume, in denen wir uns mit schweren Schritten fortschleppten. —
Unsere Tagereise ging ungehindert nach Ostsüdost, aber ohne daß wir uns darum der hinter schwarzen Vorbergen versteckten Schneekette merklich näherten. Die Niederschläge waren reichlich, die Erde trocknete nicht mehr zwischen den Schauern, die alles in Schlamm verwandeln und die Kamele zum Ausgleiten bringen. Der Lama sagte, daß jetzt die Regenzeit ihren Einzug halte und zwei Monate dauern werde; „so ist es wenigstens in Lhasa“, fügte er hinzu.
Man erkennt die rücksichtslosen Regenböen schon von weitem; sie rollen einher wie blauschwarze Rauchmassen mit scharf abgegrenzter Front, vor welcher der blaue Himmel mit seinen weißer Watte ähnlichen Wölkchen zusammenschrumpft und verschwindet; hinter ihnen aber sieht es aus, als sei die Nacht selbst im Anzuge. Und man ist ihnen preisgegeben, kann nicht entrinnen; das Unwetter zieht herauf, Blitz und Donner kommen immer näher, die Schläge durchschneiden mit ohrenbetäubendem Krachen die Luft, die ersten schweren Tropfen und Hagelkörner fallen auf die Erde, und im Nu hat man die Bö über sich. Die Pferde werden unruhig und scheu, die Kamele versuchen sich jedes auf die geschützte Seite des anderen zu drängen, was die Lasten in Unordnung bringt. Man wird durch und durch naß, es rieselt und tropft von Mütze und Ärmeln, die Zügel liegen kalt und schmutzig in der Hand, die Filzstiefel saugen sich voll, und die ganze Annehmlichkeit des Rittes durch ein unbekanntes Land ist verschwunden. Wenn der Sturm über uns weggezogen ist, muß die Karawane wieder in Ordnung gebracht werden. Die Bergrücken scheinen mit der blendendsten weißen Farbe angestrichen zu sein.
Es gibt nichts Gemeineres als solch ein Wetter. Die Wanderung wird schwer und mühsam, das auf dem Erdboden ausgebreitete Bett ist feucht, und die Jurte verbreitet einen unangenehmen Geruch. Nur selten bietet sich eine Gelegenheit, die astronomischen und photographischen Instrumente zu benutzen, und das in Arbeit befindliche Kartenblatt ist nach einer Weile naß und knitterig.
Während einer halben Tagereise folgten wir dem Flusse, an dessen Ufer wir gelagert hatten, nach Osten, nachher aber zogen wir auf leicht kupiertem Boden nach Südosten. Schließlich gelangten wir noch an einen Tümpel, wo wir für den Tag Halt machten. Die Zelte waren schon aufgeschlagen, als sich herausstellte, daß das Wasser salzig war. Ebenso ging es uns mit dem Brunnen, der gegraben wurde. Schagdur verschwand zu Pferd mit zwei kupfernen Kannen, und nach einer Stunde sahen wir ihn in vollem Galopp auf das Lager zureiten. Wir wunderten uns, daß er es so schrecklich eilig hatte, aber er erzählte sehr aufgeregt, daß er beinahe von einem Wolfe, den er jetzt für seine Frechheit bezahlen werde, überfallen worden sei. Der Wolf war ihm zweimal direkt zu Leibe gegangen, und er hatte zur Verteidigung nichts weiter gehabt als die kupfernen Kannen. Damit hatte er nach dem Wolfe geworfen und sich dann zu Pferd davongemacht. Wir konnten die große, beinahe weiße Bestie, welche die Verfolgung bis an das Lager fortgesetzt hatte, mit dem Fernglas beobachten. Doch als Schagdur und Sirkin mit ihren Flinten hinausritten, hielt es der Isegrimm für geraten, sein Heil in der Flucht zu suchen. Die Schafe wurden sicherer als gewöhnlich eingepfercht und die Pferde und Maulesel bewacht. Die Kamele hielten es nicht für der Mühe wert, sich nach den spärlichen Halmen zu bücken, die um diesen schlechten Lagerplatz herum in dem Schutte wuchsen, sondern kamen freiwillig nach Hause und legten sich neben ihre Plagegeister — die Lasten.
Nun mußte Ördek nach dem Flusse zurückreiten; es war schon stockdunkle Nacht, als er mit den gefüllten Kannen zurückkehrte.