Die ganze Nacht schneite es, und am folgenden Morgen verließ man mit Widerwillen die Jurte, um sich wieder in die Nässe hinauszubegeben. Es ist gerade wie beim Baden; wie man es auch anstellt, ohne Naßwerden geht es nicht ab.

In derselben Richtung (Südosten) durchzogen wir eine an Salztümpeln reiche Landschaft von lauter Hügeln und Landrücken und gingen über sechs kleine Pässe, bis wir einen bedeutenden Fluß erreichten, der in einen langgestreckten Salzsee mit weißen Salzkristallisationen an den Ufern mündete. Endlich sollten die Pferde getränkt werden. Der Fluß strömte außerordentlich langsam, kaum merkbar für das Auge. Sei es, daß er aus mit Salz gesättigten Gegenden kommt oder daß das Wasser des Sees bei Wind in den Fluß hinaufgeht, genug, um den ersehnten Labetrunk wurden wir schmählich betrogen, denn das Wasser war grimmig salzig. Bald darauf fanden wir indessen einen kleinen Tümpel mit süßem Wasser, und hier tranken alle Tiere nach Herzenslust ([Abb. 238]).

Auf dem zu unserer Rechten befindlichen Abhange weidete einsam ein großer schwarzer Yakstier. Da wir es für unnötig hielten, ihm das Leben zu nehmen, hetzten die Kosaken Scherzes halber die Hunde auf ihn. Diese umringten ihn mit wildem Geheul, hüteten sich aber wohl zu beißen. Jolldasch, der Spitzbube, zupfte ihn nur an den Seitenfransen. Der Yak drehte sich nach jedem Angreifer um, keuchte und schnaubte, richtete den Schwanz hoch auf und hielt die Hörner bereit. Dann und wann fuhr er schnell auf einen der Aufdringlichen los. Er war hiermit so beschäftigt, daß wir mit dem großen photographischen Apparate ganz nahe herankommen konnten; die Bilder wurden aber doch recht klein. Ich hielt das Tier fast für einen zahmen, Tibetern entlaufenen Yak, so ungeniert war es.

Nun kam Turdu Bai mit dem Todesurteil. Wir brauchten mehr Fleisch, sagte er. Die Hunde wurden fortgelockt, zwei Schüsse krachten gleichzeitig. Dem Yak schien weder der Knall noch die Kugeln das Geringste auszumachen. Seitdem die Hunde sich entfernt hatten, stand er regungslos da. Als sie aber wieder angriffen, geriet er in Wut und jagte sie den Abhang hinunter, stürzte dabei zu Boden und war schon tot, als wir herankamen.

Es war ein großer, schöner Stier, dessen Hörner infolge von früheren Kämpfen mit Nebenbuhlern an der Spitze ganz zersplittert waren. Fleisch und Fett wurden mitgenommen, der Rest blieb liegen, wahrscheinlich zum Frommen für Schagdurs Freund, den Wolf.

Es ist eigentümlich, zwei ganze Tagereisen zurückzulegen, ohne Wasser zu finden, und dabei sieht man überall Lachen, denn die Regenzeit ist da. Dennoch marschierten wir 20 Kilometer, ohne Trinkwasser zu finden. Als sich schließlich ein Kamel weigerte, uns über noch eine übrigens ganz unbedeutende Paßschwelle zu folgen, lagerten wir. Schagdur machte weiter oben eine Quelle ausfindig.

„Wo ist das gute Gras? Wo werden wir das Hauptquartier aufschlagen?“ fragen wir uns jetzt täglich. Wir müssen noch 383 Kilometer von dem nordwestlichen Ende des großen Sees Tengri-nor entfernt sein. Wir können aber kaum erwarten, Spuren von Menschen zu finden, bevor wir jenseits der mächtigen Kette angelangt sind, deren Schneegipfel heute ein paarmal zwischen den Hügeln auftauchten. Der wilde Yak hatte entschieden nie Menschen gesehen, sonst hätte er sich auf das Photographiertwerden, das ihm das Leben kostete, gewiß nicht eingelassen. Merkwürdigerweise ist gerade diese Gegend sehr reich an Schädeln und Gerippen von Kulanen und Orongoantilopen. Doch stammen diese Skelette nur von verendeten Tieren her, denn wenigstens die Kulane werden von den Tibetern nie getötet.

Am 13. Juli zogen wir in dem offenen Längentale ([Abb. 239]) weiter und brauchten die Kamele nicht mit Pässen zu quälen. Das Gras ist schlecht; eine neue Art davon tritt auf, die der Lama „Buka-schirik“ oder Yakgras nennt und die auf der Pilgerstraße der Mongolen nach Lhasa und in der Umgegend dieser Stadt allgemein vorkommen soll. Wild ist in diesen Gegenden häufig; wir sehen Yake, Kulane, Orongoantilopen, Hasen und Rebhühner. An einem großen Flusse hielten wir es für das Klügste, das Lager aufzuschlagen, da wir so lange kein gutes Wasser mehr gehabt hatten.

Am 15. Juli stieg die Temperatur auf +11,1 Grad, nachdem sie nachts auf −3,4 Grad heruntergegangen war. Wir marschierten noch immer nach Südosten, um nach einer Einsenkung in dem gewaltigen Kamme, der uns im Süden von den Geheimnissen des heiligen Landes trennte, umherzuspähen. Hatten wir erst diesen Wall, der möglicherweise auch klimatische Bedeutung besaß, überwunden, so würden wir sicher in wärmere Gegenden gelangen, die eine bessere Weide boten und vielleicht von Tibetern bewohnt waren. Noch hatten wir aber keine Spur von Menschen gesehen.

In der Mitte des heutigen Marsches überschritten wir einen sehr großen Fluß, den größten, den wir seit dem Tarim gesehen hatten ([Abb. 240], [241]). Er strömte nach Südwesten, einem großen See zu, den wir nur aus der Ferne zwischen Hügeln und Bergen hatten hervorglänzen sehen. Die Wassermenge, die sich auf etwa zwanzig große und ebensoviele kleine Arme verteilte, betrug wohl 23 Kubikmeter in der Sekunde, die Stromgeschwindigkeit 1 Meter in der Sekunde und die größte Tiefe 60 Zentimeter. Hätte der Fluß nur eine einzige Rinne gehabt, so wären wir ohne die Hilfe des Bootes nicht hinübergekommen. Es erforderte mehr als eine halbe Stunde, um das andere Ufer dieses großen Wasserlaufes, der von den Schneebergen im Süden kommt, zu erreichen.