Die wasserblanke Erde jagt wie auf flüchtigen Läufen des Rehbocks unter ihr dahin; sie sieht von Dukelheit umhüllte Baumwipfel auf sich zu eilen, im Nu unter ihr liegen und dann wieder davonschießen. Bald ist sie schwindelnd hoch in der Luft über ihnen, sie sieht weder Gestrüpp noch Hochwald oder die Lichtung der kahlen Stellen; bald ist sie den schaukelnden Kronenwölbungen so nahe, daß sie ihr Sturmgebraus und Zweigegeklapper hören kann — und es durchschaudert sie, trotzdem sie den Marder umklammert hält; sie kann ja nicht landen, das fühlt sie, nicht anhalten und die Flügel emporschwingen und im Winde rütteln; alles, was sie berührt, wird sie umrennen.
Da macht sie eine mächtige Bewegung mit den Flügeln und, obwohl ein Flug in die hohe Luft sonst nicht Sache der Eule ist, steigt und steigt sie — sie muß fort von der Anziehungskraft der Erde und der Sturmesgewalt, hoch hinauf, wo sie ungehindert gleiten kann, wenn auch in einer selbst für sie wahnsinnigen Eile.
Eindrücke und Empfindungen sausen durch ihr Gehirn; sie drängen sich auf, gewinnen Platz, werden beiseite gestoßen und gewinnen abermals Platz, und während alledem kämpft sie — sie, der lebende Ballon — mit ihrem noch immer gleich mordlustigen Passagier in der Gondel.
Klein-Taa, dem schon gleich zu Anfang Strix’ Klauen durch die Eingeweide gedrungen sind, wühlt ununterbrochen in ihrer Brust und ihren Flanken herum, aber ihm fehlt eine Stütze für seinen Hinterkörper, seine Bisse gelangen nicht auf den Grund, er reißt ihr nur große Büschel Federn und Hautstreifen aus.
Strix ihrerseits arbeitet mit der ganzen Willenskraft des Selbsterhaltungstriebes. Zäh und ausdauernd klemmt sie die Horndolche tiefer und tiefer in die Seiten des Marders und zapft Blut aus seiner Brust, während sie vor Erregung und Anstrengung im Fluge schlingert.
Taa ist im Begriff zu ermatten. Er schnappt wild und blind im Irrsinn des Todes um sich, und seine kräftigen Hinterklauen, die wiederholt während der Fahrt Strix auf verhängnisvolle Weise gegen den Bauch gestoßen haben, fangen an, schlaff und leblos herabzuhängen.
Da benutzt Strix einen Augenblick, wo Klein-Taa, um Luft zu schöpfen und die kitzelnden Federn vom Maul zu entfernen, den Hals ausstreckt, und sie umfaßt mit ihrem scharfen Krummschnabel seine Kehle. Einen Bruchteil einer Sekunde schwindelt es sie — dann läßt sie plötzlich, zuerst mit den Fängen, dann mit dem Schnabel, los. Sie schleudert ihn von sich und gibt ihm noch einen Segen in Gestalt ihres kalkweißen Geschmeißes mit. In einem langgestreckten Bogen sieht sie seinen schwarzen Raubtierkörper, der sich rund um seine Rute herum dreht, durch die Luft Purzelbäume schlagen, bis ihn das Erdendunkel endlich verschlingt, und er in der Nacht verschwindet.
Im selben Nu erfaßt der Sturm Strix wie mit einem Kampfruck. Von ihrem Passagier befreit, ist sie einen Augenblick später hoch oben zwischen den Wolken; sie muß schleunigst ihre Flügelweite verringern, sich rund herumdrehen und, den Kopf gegen die Windrichtung, sich in langen, weitgedehnten Schleifen seitlich dahintreiben lassen. Naßkalte Sturmstöße fauchen ihr ins Gesicht und pflücken lose Daunen und Federn aus ihrem Kleide — dann ergießen sie sich in reißenden Regenströmen über sie.
Ermattet vom Kampfe und schwer von dem Regen, der sie niederzuschlagen droht, sucht sie schleunigst Schutz hinter dem ersten Hügelabhang, den sie antrifft. Jetzt, wo sie ein freier Vogel ist, hat sie keine Angst, dagegen zu rennen; sie hat ihre ganze Beweglichkeit wieder und landet glatt auf einem Fels im Talgrunde.
Sie ist entsetzlich zugerichtet.