Der eine Schenkel hängt in Fetzen, bis in die Fänge hinein schnurrt es darin; der Ständer versagt anfänglich dem Körper die Stütze. Von den langen Brustfedern, mit denen sie die Fänge zu wärmen pflegt, sind nur noch einzelne Daunen übrig geblieben, der übrige Teil der Brust besteht aus schweißenden Löchern und Rissen. Sie ist mürbe am ganzen Körper, im Nacken, in den Flügeln — und ihre mächtigen Fänge sind wie aus den Gelenken gezogen. Der große Knoten an ihrem linken Augenlid, den sie jahrelang mit sich herumgeschleppt hat, seit ihrem Kampf mit der Kreuzotter, ist fast zu Wallnußgröße angeschwollen und ragt über das Auge vor, so daß sie nur schlecht sehen kann. Jeder Fleck an ihrem Rumpf schreit nach Pflege und Säuberung.

Sie muß irgendwo in Ruhe und Einsamkeit sitzen — und sie hinkt davon, hinab nach einem Graben und verkriecht sich unter einer Brücke.

Ein großer Frosch, der, aus seinem Winterschlaf erwacht, auf dem Wege ins Freie ist, hat das Unglück, ihr geradeswegs in die Fänge zu laufen.

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Der kalte Klumpen war ein Götterbissen für Strix, er wirkte wie ein Stück Eis in dem Mund eines armen, dürstenden, fieberkranken Patienten!

[12. Zurück]

Die Luftfahrt mit dem Marder blieb Strix’ letzte Heldentat. Die Kämpfe des Lebens hatten sie allmählich arg mitgenommen.

Als sie wieder einigermaßen zu Kräften gekommen ist und ihre Wundflächen sich vernarbt haben, fliegt sie fort aus ihrem Schlupfwinkel unter der Brücke. Sie hat sich dort von einem Mondwechsel bis zum andern aufgehalten und Frieden gehabt, denn um diese Jahreszeit gab es ja keine Arbeit auf den Feldern.

Wochenlang fliegt sie herum und sucht — sucht nach großen Wäldern mit hohlen Bäumen, nach alten, leeren Eichen. Sie sucht nach Ruhe und Frieden, nach der großen Einsamkeit, die ihr Schreien ertragen kann, ohne sich zu entsetzen ... wo sich der Wald ohne Hilfe der Menschen verjüngt, wo die Sonnenstrahlen spielen und der Wind saust, wo niemand außer ihr sich in die Weltenordnung einmischt — da will sie sein, da will sie hin ...

Während sie so umherschweift, folgt sie, ohne es zu wissen, einem uralten Naturgesetz. Es liegt heimlich verborgen in dem Fluge ihrer Flügel wie in dem Bedürfnis ihres Herzens: sie fliegt im Kreise und landet in einer schönen Mitternacht in heimischen Gegenden.