Während ihrer Luftfahrt mit Klein-Taa hat sie in einem einzigen Fluge eine Wegeslänge zurückgelegt, zu der sie in früheren Zeiten Jahre und Tage gebraucht hat. Sie ist über den Westerwald dahingeflogen und über seine jetzt so kultivierten Sümpfe und Moore; sie ist über ihre einstmals so große Heide geflogen, die jetzt zum größten Teil umgepflügt und bepflanzt ist. Der Hügelabhang, hinter dem sie in der Nacht landete, liegt nicht weit von dem verfallenen, von Ratten wimmelnden Torfschuppen, und der Wald, in den sie jetzt Einkehr hält, ist — wilder Wald.

Aber sie kennt ihren großen wilden Wald nicht wieder!

Dort, wo noch vor zwei Jahrzehnten, als sie in der hohlen Buche auf der Hügelkette vor dem Waldsee wohnte, alte, herrlich dichte Tannen wuchsen, wo es selbst an glühenden Sommertagen dunkel und kühl war, ragen jetzt lange, gestengelte Stöcke in die Höhe. Und da ist immer Spektakel! Die Menschen treiben sich dort herum und hauen weg, so daß nur die steifsten von den Stöcken übrig bleiben.

Der neue Wald sieht aus wie hohes Gras.

Und treiben die Menschen sich dort nicht herum, so zerrt der Wind fast immer an den Wipfeln; die Bäume ihrer Kindheit standen frei und offen, sie konnten sich, ohne einander zu hindern, wiegen und biegen.

Und nun die alten Riesen mit den vielen Knorren, Narben und Löchern, die sie Bäume zu nennen pflegte und nicht Gras — die sind weg. Die Axt hat sie wohl genommen, lange bevor der Sturm sie hat holen mögen.

In einer kleinen, krummen, dichtkronigen Buche läßt sie sich nieder!

Es ist eine Krüppel-Buche — einigen Bäumen ergeht es nämlich wie einigen Menschen: je mehr sie in Regelmäßigkeit und Schemaform hineingezwängt werden, um so mehr kommen sie mit der Neigung zum Ausschreiten zur Welt. Sie werden sonderlich — und wollen nicht gut tun! Viel von dem Samen, den die langaufgeschossenen, hochkultivierten Buchen um sich werfen, und den sie von Winden und Vögeln über das umliegende Land hinaustragen lassen, artet nicht im geringsten nach seinem Ursprung. Der Nachwuchs wird krumm und buckelig, treibt Zweige in rechten Winkeln und bildet, wenn er Erlaubnis erhält, lange genug zu stehen, die wunderlichsten Labyrinthe aus seiner Kronenwölbung. Die Forstleute haben geradezu neue Namen für diese Sonderlinge; sie nennen sie Krüppel.

In der dichtverfilzten Zweigkrone einer solchen Krüppelbuche haust Strix fast einen ganzen Monat.

Aber was hilft es ihr, daß sie endlich Häusung gefunden hat — Tagesruhe und Waldesfrieden hat sie nicht gefunden.