In alten Zeiten waren Tagesruhe und Waldesfrieden so sicher wie die Sonne am Himmel. Wenn sie damals aus ihrem Mittagsschlummer in dem hohlen Baumstamm erwachte, hatte sie nur den Gesang der Jahreszeit im Walde gehört: im Winter den Sturm und das Sieden und Brausen. Im Herbst den Regen und den Tropfenfall und das Plätschern. Im Frühling das Bersten der Knospenschalen und das Glucksen und Saugen des Holzsaftes aus Wurzel und Faser.
Und im Sommer hatte sie damals nur das Zittern der Blätter, das Summen der Insekten, den Diskant der Mönchgrasmücke und das Gurren der Holztaube gehört, alles das, was naturgemäß mit zu dem Waldfrieden gehörte und gleichsam die Stille verdoppelte.
Jetzt dahingegen — nein, sie gewöhnt sich niemals daran, sondern fährt jede zweite, dritte Minute auf: Ein Wagen nach dem andern kommt dahergerollt, Rufen und Rennen von Menschen ertönt; dann bellt ein Hund, ein Schuß knallt; das Gellen von Pfiffen erschallt und das aufgeschreckte Gebrüll von Waldhörnern. Der Wald hat sich verändert; der neue Wald hat andere Gewohnheiten als der alte — und die sind ihrem Wesen und ihrer Natur ganz zuwider.
So muß sie denn weiter, — nach nur ein paar Monaten! Sie muß den Kreis schließen und die letzte Strecke der weiten, starkgebogenen Kurve zurücklegen, in der sie seit ihren frühesten Tagen vorwärts getrieben wurde.
Gewandert ist sie auf ihre Weise — und nun geschieht es, daß der Instinkt und die neuen Verhältnisse in den Gegenden, aus denen sie kommt, sie nach den großen Fördenwäldern zurückziehen, wo sie einstmals gebrütet hat, und wo sie vor bald achtzig Jahren das Licht der Welt erblickte.
Der große Eichenstumpf, unter dem sie ihren Horst gehabt und ihr erstes Gelege Junge mit Uf ausgebrütet hat, ist nicht mehr da, und alles, was dunkel und urwäldlich war, — was sie schön genannt hat — ist weg ... nur draußen in einer Einöde, in einem sumpfigen, tiefgelegenen Winkel, den die Menschen jetzt die Urwaldecke nennen, stehen auf einigen kleinen Inseln in einem schlammigen, noch unentwässerten Waldmoor ein paar alte, geschonte Rieseneichen.
Jahrhunderte und Jahrhunderte sind über die Eichen dahingegangen! Winter auf Winter, Frühling auf Frühling haben sie erlebt, haben sie genossen. Sie kennen den Himmel in Frostkälte mit Schneegestöber, in Lenzesblau mit Schneewolken, in Sommersonne und Herbstnebel; sie kennen Edelhirsch und Wildsau, Wolf und Bär — und sie kennen den Menschen!
Aus dem Baumgewimmel des Urwaldes, aus seinem Chaos von Alt und Jung, Heimgegangenem und Neuem sind sie herausgestiegen, haben sie sich emporgelitten, emporgetrotzt und sich den Platz erkämpft, auf dem sie stehen. Vor hunderten und aber hunderten von Jahren haben sie geblüht und die Wonne der Bestäubung genossen; vor hunderten und aber hunderten von Jahren haben sie schwere, langapfelige Früchte um sich gestreut. Sie haben Generationen von Tieren und Generationen von Vögeln gefüttert, haben das Sonnenlicht von über tausenden von Jahren umgesetzt. Jetzt verebbt das Leben in ihnen, sie sollen der Erde zurückgeben, was sie einstmals empfangen haben.
Auf ein paar alten Bildern an der Wand des Forsthauses steht eine jede von ihnen wie ein einsam aufragender Turm. Die Photographien sind vor fast einem Menschenalter aufgenommen, als der Tannenwald auf den Hügeln rings um sie her nur eine kleine Anpflanzung war. Kein jetzt lebender Forstbeamter entsinnt sich der alten Eichen als Waldkönige zwischen Tannenzwergen stehend. Nur Strix sieht noch heutigen Tages immer das stolze Bild. Da ist sie Nacht für Nacht über den kleinen Tannen hingeschwebt und hat manch einen jungen Hasen, manch ein Rehkitz geschlagen, und Amseln hat sie zu hunderten genommen.
Die eine von den Eichen — die älteste — ist überall geborsten und gerissen, und es sind große Stücke aus ihrem Stamm gefallen. Man hat Liebhaberaufnahmen, wo ein Reiter zu Pferd in der Eiche hält! Um sie zu bewahren, ist ihre Rinde in Eisenringe eingeschlossen und es sind starke Stützen unter ihre Äste gestellt. So geborsten und zerrissen ist sie, daß die Leute gar nicht mehr glauben wollen, daß es ein Baum mit einem Stamm gewesen ist. Nein, den Ärger muß sie nun erdulden, daß kluge Köpfe unter den Forsteleven behaupten, es sei ursprünglich ein ganzes Bündel von Eichen gewesen, deren Stämme dann allmählich zusammengewachsen seien.