Die andere Eiche, die am weitesten draußen im Moore steht, umgeben von dem Geflecht des Geisblatts und dem dichten Wald der Adlerfarnen, hat noch ihre ganze äußere Rinde bewahrt. So mächtig ist ihr Stamm, daß zehn Personen erforderlich sind, um ihn zu umspannen und ihre dicken, knorrigen Wurzeln greifen so weit um sich, daß ein vierspänniger Wagen im Kreise um sie herumfahren könnte. Es ist ein Anblick aus der Vergangenheit!

Wer sich allmählich durch das Gestrüpp hindurchgearbeitet hat, und nun plötzlich der Eiche von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht, stutzt ganz benommen: das ist doch endlich einmal ein Baum, den ein paar moderne Holzhauer nicht in einem Tage zu bewältigen vermögen!

Nur ganz oben, wo ein Ast abgeweht ist, hat das Alter eingesetzt. Hier ist die Rinde abgefallen, und ein großes Loch klafft aus der nackten Holzschale heraus.

Durch dies Loch fliegt Strix eines Abends hinein und läßt sich auf den Boden des hohlen Stammes fallen. Hier sitzt sie den Winter hindurch — sitzt warm und dunkel zwischen Spinnengeweben und Wurmlöchern, ohne andre Gesellschaft als ein paar Frostschmetterlinge und eine große Hummel im Winterschlaf.

Als der Frühling kommt, fliegt eine ungenierte Kohlmeisenfamilie in den Baum hinein und läßt sich häuslich nieder in dem faulen Holz über ihr. Das Nest, das ganz unten in einem langen und engen Loch ist, birgt fast eine ganze Stiege Eier!

Und dann, eines Morgens, als Strix von der nächtlichen Jagd heimkehrt, sieht sie auf dem Grunde der hohlen Eiche zwischen ihren großen Gewöllklößen die letzten traurigen Überreste des Meisenweibchens liegen. Der kleine Vogel hat offenbar ein tragisches Ende genommen.

Aber noch am Abend desselben Tages stellt sich der Meisenvater mit einem neuen Weibchen ein, das ganz ruhig das Eierlegen in dem Nest der ersten Frau fortsetzt. Längst hat der arme Mann die Stiege voll, aber das Ende ist noch nicht abzusehen, das kann die alte, welterfahrene Eule hören.

Dies schreckliche Rumoren ist Strix ein wenig unbehaglich, und als das Meisenpaar erst Junge bekommt, ganze einundzwanzig, da wird das Geschrei und Gepiepse fast unerträglich. Mehrmals versucht Strix, all das schreiende Leben mit den Fängen herauszuziehen — es ist ja doch Nahrung und sie ist gleich zur Hand. Aber ihre Fänge sind nicht mehr kräftig und nicht mehr geschmeidig genug, namentlich wollen die großen Horndolche sich nicht mehr in Winkel biegen lassen.

So gewöhnt sie sich denn an den Spektakel ... etwas Gemütliches hat dies Lärmen trotz alledem! Es bringt Abwechslung, es bringt Leben — und sie entbehrt es sehr, als die Meisenkinder eines schönen Tages erwachsen sind und sich auf und davon machen.

Strix altert jetzt. Und wie bei allen Raubvögeln meldet sich das Alter ungestüm und plötzlich.