Ihre starken geschmeidigen Flügel fangen an, steif zu werden, ihre Fänge sind abgenutzt und sie greift fehl. Auch ihr Sehvermögen ist nicht mehr wie in alten Zeiten, wo sie in der Dämmerung des Zwielichts die Motte am Stamm erkennen konnte.
So ist ihr kürzlich ein wahrer Skandal passiert — sie hält einen großen Auswuchs an einem Stamm für einen Vogel!
Der Auswuchs ist ein Wespennest, aber im Blendwerk des Mondlichts und zwischen dem Maskenspiel der Blätter wird es zu einem Birkhahn.
Es ist lange, sehr lange her, seit die alte Strix Birkhahn gekostet hat, und es hungert sie förmlich danach, wieder einmal einen ordentlichen Bissen zu bekommen. Sie entsinnt sich ihres früher so glücklichen Verfahrens, setzt volle Fahrt auf und — schlägt mit allen ihren acht Fängen in eine wunderlich schwammige Zundermasse. Sie hat sich geirrt, das merkt sie, denn dies Wesen ist ja kein Wesen ihrer Natur; es schreit nicht, es summt — und die Daunen, die sie losreißt, sind lebendig und stechen.
Für einen Wespenbussard würde diese Begebenheit ein wahrer Götterbissen gewesen sein; der Vogel würde die Waben geschätzt haben, er hätte es verstanden, jede Hornisse aus ihrer Federbekleidung herauszuschälen. Strix dahingegen wird nur gequält und zerstochen, obwohl sie nicht zaudert, die Flucht zu ergreifen.
Mehrere Tage lang ist sie hiernach in ihrem hohlen Baum sitzen geblieben und hat über ihr Schicksal gejammert; sie begreift nicht, warum das Glück sie so plötzlich im Stich läßt ...
Bisher war ja alles, was mit dem Beschaffen der Nahrung zusammenhing, so selbstverständlich für Strix gegangen! Sie hatte immer fangen können und selbst aus ungleichem Kampf immer den Sieg davongetragen. Sie hatte sich aus schwierigen Lagen erretten, hatte Schutz und Versteck finden können, kurz, das Leben war trotz allen Streites und aller Widerwärtigkeiten leicht für sie gewesen.
Sie wird ganz melancholisch!
Und während der Sommer fortschreitet und die Ernte herannaht, macht das Alter mehr und mehr sein Recht geltend.
Die ehemals so selbstverständlichen kleinen Glückszufälle werden zu ebenso selbstverständlichen kleinen Unglücksfällen; sie fliegt immer häufiger in der Dunkelheit irre; bekommt Schläge von den Zweigen ins Auge und stößt die Flügel und den Kopf gegen Äste und Baumstümpfe. Eines Abends auf der Jagd verwickelt sie sich — bei den wütenden Anstrengungen, ein Moorschwein zu fangen — in ein niedriges Eisengespinst, das die großen zweibeinigen Spinnen um eine Anpflanzung gezogen haben. Um ein Haar hätte sie ihr Leben dabei eingebüßt.