Ihr Mienenspiel ist ja unvergleichlich, findet das kleine Närrchen. Noch nie hat Glip eine Eule gesehen, die imstande gewesen wäre, Kummer, Freude, Zorn und Haß bessern Ausdruck zu verleihen als dieser süße alte Uhu. Ihre großen, sonnenflammenden Lichter, die ihn zu Anfang ganz bange machten, wenn er in sie hineinstarrte — siehe, das sind ja in Wirklichkeit ein paar kluge, gute Seher mit einem bestimmten, festen Blick. Sie kann Einen ja freilich ansehen, daß man ein Gefühl hat, als wolle sie Einen im nächsten Augenblick verschlingen, aber das kommt daher, weil ihr Blick so groß ist; er beherrscht mehr als Einen selbst, er umfaßt alles, alles — um Einen und hinter Einem!
Glip bewundert Strix, er ist wahnsinnig verliebt. Wenn er sie nur herauf bekommen könnte! Er hat eine so schreckliche Lust, ihr sein Wiwit ins Ohr zu tuten!
Strix ist nicht mehr im stande, sich im Nacken zu kraulen, aber auch hierfür weiß ihr kleiner Sklave Rat. Sie braucht nur ihren großen Katzenkopf in die Höhe zu recken, dann kratzt er in ihrer zerzausten Perücke herum. Er geht ganz bis auf den Grund und macht es so vorsichtig und kitzelnd, ja, mit Befriedigung bemerkt Strix, daß der Sklave wieder und wieder seinen Schnabel und seine Zunge glättend an ihren Federhörnern hinaufgleiten läßt.
Jetzt muß es doch kommen! denkt das Närrchen ... jetzt gilt es nur, auszuharren, dann ergibt sich die alte Jungfer.
Immer eifriger fängt er für sie, immer kühner wird er auf seinen Raubzügen.
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Lautlos wie er selber, streichen die lenzfrohen Schnepfen die langen Talstrecken drinnen im Walde entlang. Glip kann in dem Zwielicht der Dämmerung, dicht an einen Stamm gedrückt, verborgen da sitzen und sie auf und ab, ab und auf schweben sehen.
Es ist, als hätte eine jede Schnepfe ihre bestimmten Luftwege; aber wenn sie sich begegnen, geschieht es wohl, daß sie sich zu Zweien, ja zuweilen zu Dreien, gegeneinander stürzen, und dann stimmen sie ein sonderbares Murksen und Pfuitzen an. Da benutzt Glip die Gelegenheit. Wenn sie gerade vor ihm sind, fährt er blitzschnell auf sie ein — er zielt auf die zunächst fliegende und schlägt die Fänge in der Luft um sie zusammen.
Aber einen so großen Fang muß er auf der Stelle zerlegen, er ist leider nicht im stande, sein reiches Götteropfer in ungeteiltem Zustande darzubringen. Es wird still im Hain, wo Strix’ kleiner, dummdreister Sklave sich blicken läßt. Die kleinen Vögel lassen Eier und Junge im Stich. Das geht nicht mit Schreien und Flattern vor sich, wie wenn der Sperber auftaucht, — nein, vorläufig treibt Glip sein Gewerbe nur des Nachts und raubt die kleinen Vögel, wenn sie schlafen. Seine feinen Ohren hören die Jungen des grauen Fliegenschnäppers im Nest piepsen, da holt er die eine Nacht das Weibchen, das Männchen die nächste Nacht. Strix kröpft und stopft in sich hinein, so viel sie nur kann — ihr Sklave ist ein tüchtiger Sklave!
Bald aber genügt es nicht mehr, wenn Glip nur des Nachts arbeitet, er muß jetzt auch den Tag mit zu Hilfe nehmen. Man trifft ihn überall im Walde: Im Dickicht wie längs der Wege; er sitzt stumm auf einem Ast, gegen den Stamm geklebt. Man glaubt, daß er schläft, aber er ist wachsam genug, und das leiseste Geräusch veranlaßt ihn sofort zu spähen. Bald ist er auf Mäusejagd unten im Laube, bald in irgendeinem Baume hinter Vögeln her.