7. Von Gott, dem höchsten Sein, der über alle Unterschiede und Gegensätze, auch des Körperlichen und Geistigen, erhaben ist, wird die ganze Welt auf dem Wege der Emanation abgeleitet. Wenn mitunter von einer Schöpfung die Rede ist, so ist das als eine Anbequemung an den theologischen Sprachgebrauch aufzufassen. Folgendermaßen stellt sich nun die Stufenreihe der emanierten Wesen dar: 1. der schaffende Geist (νοῦς, ʻaql); 2. der leidende Geist oder die Allseele; 3. die erste Materie; 4. die wirkende Natur, eine Kraft der Weltseele; 5. der absolute Körper, auch zweite Materie genannt; 6. die Sphärenwelt; 7. die Elemente der sublunarischen Welt; 8. die aus diesen Elementen zusammengesetzten Mineralien, Pflanzen und Tiere. Das sind also acht Wesen, die zusammen mit Gott, der absoluten Eins, die in und mit jedem Dinge ist, die Reihe der den neun Grundzahlen entsprechenden Urwesen vollenden.

Geist, Seele, Urmaterie und Natur sind einfach, mit dem Körper aber betreten wir das Gebiet des Zusammengesetzten. Alles ist hier entweder Materie oder Form, Substanz oder Accidens. Die ersten Substanzen sind Materie und Form, die ersten Accidenzen oder Eigenschaften Raum, Bewegung und Zeit, denen man wohl im Sinne der Brüder den Ton und das Licht hinzufügen könnte. Die Materie ist eins, alle Vielheit und Verschiedenheit [[85]]rührt von den Formen her. Die Substanz wird auch als die konstituierende, materielle, das Accidens als die vollendende, geistige Form bezeichnet. Klar spricht die Encyklopädie sich nicht aus. Jedenfalls aber wird die Substantialität mehr im Allgemeinen als im Besonderen gesucht und die Form der Materie vorgezogen. Wie ein Gespenst schreckt die substantielle Form von jedem Eingehen auf das Materielle ab. Wie Herren nach ihrer Willkür wandern die Formen durch die niedere Welt der Materie. Von einer inneren Beziehung zwischen Materie und Form ist keine Spur zu entdecken. Nicht nur gedanklich, sondern auch real lassen sie sich trennen.

Hieraus lässt sich schon ein Begriff von der Naturgeschichte der Brüder bilden. Man hat sie als Darwinisten des zehnten Jahrhunderts hingestellt. Nichts ist weniger richtig. Zwar ergeben die verschiedenen Reiche der Natur, nach der Encyklopädie, eine aufsteigende und zusammenhängende Reihe. Aber nicht nach der Körperbildung wird das Verhältnis bestimmt, sondern nach der inneren Form oder der Seelensubstanz. In mystischer Weise wandert die Form vom Niederen zum Höheren und umgekehrt, nicht nach inneren Bildungsgesetzen oder durch Anpassung an das Äußere modifiziert, sondern nach den Einwirkungen der Gestirne und, wenigstens beim Menschen, nach praktischem und theoretischem Verhalten. Eine Entwicklungsgeschichte in modernem Sinne zu geben, lag den Brüdern ganz fern. Ausdrücklich betonen sie z. B., Pferd und Elephant seien menschenähnlicher als der Affe, obgleich beim letzteren die körperliche Übereinkunft größer. Aber der Körper ist ja etwas ganz Nebensächliches in ihrem System, der Tod des Körpers heißt die Geburt der Seele. Nur die Seele ist ein wirkendes Wesen, das sich den Körper schafft.

8. Die Naturlehre der Brüder geht demnach fast vollständig in Psychologie auf. Beschränken wir uns hier auf die menschliche Seele. Sie steht in der Mitte des [[86]]Alls. Wie die Welt ein großer Mensch, ist der Mensch eine kleine Welt.

Die menschliche Seele ist von der Weltseele emaniert, und die Seelen sämtlicher Individuen bilden zusammen eine Substanz, die man den absoluten Menschen oder den Geist der Menschheit nennen könnte. Jede Einzelseele aber steckt in der Materie und muss sich allmählich zum Geiste hinbilden. Dazu hat sie viele Vermögen oder Kräfte. Von diesen sind die theoretischen Vermögen die vorzüglichsten, denn in der Erkenntnis besteht das Leben der Seele.

Die Seele des Kindes ist zunächst wie ein weißes Blatt. Was die fünf Sinne ihr zuführen, wird, vorn, mitten und hinten im Gehirne, erstens vorgestellt, zweitens beurteilt und drittens aufbewahrt. Durch das Vermögen der Sprache und die Schreibkunst, womit die entsprechende Fünfzahl innerer Sinne erreicht ist, wird dann der Vorstellungsinhalt verwirklicht.

Unter den äußeren Sinnen geht das Gehör dem Gesichte voran, denn dieses bezieht sich, ein Sklave des Augenblickes, auf das sinnlich Gegenwärtige, dagegen das Gehör auch Vergangenes erfasst und die Harmonie der tönenden Sphären empfindet. Gehör und Gesicht bilden zusammen die Gruppe geistiger Sinne, deren Wirkung zeitlos von statten gehen soll.

Während nun der Mensch die äußeren Sinne mit den Tieren gemein hat, so bekundet sich in der Urteilskraft, in der Sprache und im Handeln die spezifisch menschliche Vernunft. Diese urteilt über gut und böse, nach welchem Urteile der Wille sich entscheidet. Besonders aber ist die Bedeutung der Sprache für das Erkenntnisleben der Seele hervorzuheben. Ein Begriff, der nicht durch irgend einen Ausdruck in irgend einer Sprache bezeichnet werden kann, ist eben kein denkbarer Begriff. Das Wort ist der Körper des Gedankens, der rein für sich nicht bestehen kann.

Wie aber diese Auffassung vom Verhältnis zwischen [[87]]Begriff und Ausdruck zu sonstigen Meinungen der Brüder stimmen soll, ist nicht einzusehen.

9. Auf ihrer höchsten Stufe wird die Lehre der Brüder Religionsphilosophie. Eine Versöhnung zwischen Wissenschaft und Leben, Philosophie und Glauben ist ihre Absicht. Da sind nun die Menschen sehr verschieden. Der gewöhnliche Mensch braucht einen sinnlichen Gottesdienst. Aber wie die Seele des gemeinen Mannes Tier- und Pflanzenseele unter sich hat, so stehen über ihr die Seele des Philosophen und des Propheten, dem sich der reine Engel anschließt. Auf den höheren Stufen erhebt sich die Seele auch über die niedere Volksreligion, deren sinnliche Vorstellungen und Gebräuche.