Als die vollkommenere religiöse Offenbarung erschien den Brüdern wohl das Christentum, auch der zoroastrische Glaube. Unser Prophet Mohammed, sagen sie, wurde an ein ungebildetes Volk von Wüstenbewohnern geschickt, die weder von der Schönheit dieser Welt noch von dem geistigen Charakter der jenseitigen eine richtige Vorstellung besaßen. Die grobsinnlichen Ausdrücke des Korans, dem Verständnis jenes Volkes angepasst, sollen von den höher Gebildeten in spiritualistischem Sinne verstanden werden.
Aber auch die anderen Volksreligionen haben die Wahrheit nicht rein. Über sie alle hinaus gibt es einen Vernunftglauben, für den die Brüder sogar eine metaphysische Ableitung versuchen. Zwischen Gott und sein erstes Geschöpf, den schaffenden Geist, wird als Hypostase das göttliche Weltgesetz (nâmûs) eingeschoben. Es ist das die über Alles sich erstreckende weise Anordnung eines barmherzigen Schöpfers, der Niemandem Böses will. Den Glauben an einen zornigen Gott, an Höllenstrafen und dergleichen erklären die Brüder für widervernünftig. Ein solcher Glaube thut der Seele weh. Die unwissende, sündige Seele findet schon in diesem Leben, in ihrem eigenen Leibe die Hölle. Auferstehung dagegen heißt die Trennung der Seele von ihrem Körper. Und die große Auferstehung [[88]]am jüngsten Tage ist die Trennung der Allseele von der Welt, ihre Rückkehr zu Gott. Das Ziel sämtlicher Religionen ist ja die Hinwendung zu Gott.
10. Die Ethik der Brüder hat einen asketisch-spiritualistischen Charakter, obgleich sich auch hier der Eklektizismus zeigt. Gut handelt nach ihr der Mensch, wenn er der richtigen Natur folgt, lobenswert ist die freie That der Seele, vortrefflich sind die aus vernünftiger Überlegung hervorgegangenen Handlungen, und einer Belohnung, d. h. der Erhebung zur himmlischen Sphärenwelt wert ist endlich die Befolgung des göttlichen Weltgesetzes. Dazu bedarf es der Sehnsucht nach oben. Die höchste Tugend ist deshalb die Liebe, die nach Vereinigung mit Gott, dem ersten Geliebten, hinstrebt, die sich aber auch in diesem Leben als religiöse Duldung und Schonung aller Geschöpfe bethätigt. Ihr Gewinn im Diesseits ist Seelenruhe, Herzensfreiheit, Frieden mit der ganzen Welt, und im Jenseits das Aufsteigen zum ewigen Lichte.
Nach alledem braucht es uns nicht zu wundern, dass dem Leibe viel Schlechtes nachgesagt wird. Unser wahres Wesen heißt die Seele, unseres Daseins höchster Zweck soll es sein, mit Sokrates dem Geiste, mit Christus dem Gesetz der Liebe zu leben. Dennoch ist der Leib zu schonen und zu pflegen, damit die Seele Zeit habe, sich vollkommen zu entwickeln. In diesem Sinne wird von den Brüdern ein menschliches Bildungsideal aufgestellt, dessen Züge den Charakteren verschiedener Völker entlehnt sind. Der ideale, sittlich vollkommene Mensch soll nämlich ostpersischer Abstammung sein, arabisch seinem Glauben nach, von iraqischer (babylonischer) Bildung, erfahren wie ein Hebräer, ein Christusjünger in seinem Wandel, fromm wie ein syrischer Mönch, ein Grieche in den Einzelwissenschaften, ein Inder in der Deutung aller Geheimnisse, endlich aber und zuhöchst ein Sufi in seinem ganzen Geistesleben.
11. Der Versuch einer Versöhnung, die auf diese [[89]]Weise zwischen Wissen und Glauben sollte hergestellt werden, hat nach keiner Seite befriedigt. Auf die allegorische Koraninterpretation der Brüder blickten die theologischen Dialektiker herab, wie heutzutage unsere Gottesgelehrten auf die neutestamentliche Exegese des Grafen Tolstoi. Und die reineren Aristoteliker betrachteten die pythagoreisch-platonische Richtung der Encyklopädie wie ein heutiger Philosophieprofessor Spiritismus, Occultismus und derartige Erscheinungen anzusehen pflegt. Aber in der breiten Masse der gebildeten oder halbgebildeten Welt haben die Schriften oder doch die Ansichten der treuen Brüder von Basra eine bedeutende Wirkung erzielt, von der die vielen, meist jungen Handschriften der umfangreichen Encyklopädie beredtes Zeugnis ablegen. Bei vielen Sekten innerhalb der islamischen Welt, Batiniten, Ismaeliten, Assasinen, Drusen, oder wie sie sonst heißen mögen, finden wir der Hauptsache nach dieselben Lehren wieder. Vorzugsweise in dieser Form hat sich griechische Weisheit im Osten acclimatisieren können, während die aristotelische Schulphilosophie fast nur im Treibhause fürstlicher Gönner gedeihen wollte. Der große Kirchenvater Gazali that die Weisheit der Brüder gar leicht als Popularphilosophie ab, scheute sich aber nicht, von ihnen das Gute herüberzunehmen. Er verdankt ihrem Gedankenkreise mehr, als er wohl selbst eingestehen mochte. Auch von anderen, besonders in encyklopädischen Werken, sind ihre Abhandlungen ausgenutzt worden. Die Wirkung der Encyklopädie dauert noch fort im muslimischen Osten. Vergebens hat man sie, zusammen mit den Schriften Ibn Sina’s, im Jahre 1150 zu Bagdad verbrannt. [[90]]
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IV. Die neuplatonischen Aristoteliker des Ostens.
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1. Kindi.[1]
1. Kindi steht in mannigfachen Beziehungen zu den mutazilitischen Dialektikern und den neupythagoreischen Naturphilosophen seiner Zeit und wir hätten ihn also schon vor Razi (s. [III, 1 § 5]) unter den letzteren behandeln können. Doch hat ihn die Tradition einstimmig als den ersten Peripatetiker im Islam hingestellt. Mit welchem Rechte, wird sich, soweit es aus den wenigen mangelhaft erhaltenen Schriften dieses Philosophen möglich ist, im folgenden ergeben.