»Natürlich,« antwortet er, »Sie verlangen für jede Hintertür noch ein Hintertürchen! Ich finde, es ist schon fabelhaft tröstlich, daß man einfach weggehen kann, wie man von einem Ball geht, der anfängt langweilig zu werden, oder so.«
»Ach lieber Frank Meinert,« sage ich lachend, »wann hätten Sie das je getan? Wer sitzt bei jedem Fest bis zum Kehraus gähnend und fröstelnd und gelangweilt in einem Klubsessel und ist nicht wegzukriegen?«
»Nun ja,« gibt er mit einem nachsichtigen, fast zärtlichen Lächeln zu, »ich muß mich einer Art Trägheit schuldig bekennen, eines Mangels an körperlicher Initiative, wenn Sie wollen.« – »Ja,« seufze ich, »daher auch das Schlurfen. Und in Gesellschaften da sitzt sich's immer so gut im Klubsessel und draußen ist vielleicht scheußliches Wetter, da bleibt man eben. Und eigentlich tun Sie auch ganz recht daran, zu bleiben, denn wer kann wissen, ob nicht am Schluß etwas unglaublich Schönes, etwas fabelhaft Anregendes und Sensationelles kommt. Und deshalb, – sehen Sie, auch deshalb schon ist's besser, man wartet bis zum Schluß.«
Wir schweigen beide, und dann sage ich in die Dämmerung hinein, die inzwischen gekommen ist:
»Ist es denn wirklich zu Ende mit Margot und Ihnen? Ist's nicht wieder nur ein Hinziehen, wie schon so oft?« Er schüttelt den Kopf, und ich spüre es wieder einmal deutlich bis zum Schmerz, daß wir nie ärmer und hilfloser und verlogener sind, als wenn wir mit Worten trösten wollen. Und es ist ganz still im Zimmer, bis ich endlich sage:
»Wir erleben es alle einmal, und in jedem von uns wird etwas dadurch geknickt oder zerschlagen. Bei den Durchschnittsmenschen da heilt es schwer, es blutet nach innen, weil kein Ventil da ist. Aber bei Ihnen gibt es ein Ventil, Ihr Schmerz wird ausströmen und tönen, und dann wird aus Ihrer Arbeit erst das Werk geworden sein, das Sie uns schuldig sind. Und Sie wachsen über Ihre Schmerzen hinaus und fühlen doch, daß es die Schmerzen sind, die Ihr Leben reich gemacht haben.«
Er sieht mich zerstreut an und sagt nach einem kurzen Schweigen gequält: »Wenn ich nur wüßte, warum es immer so kommen muß.«
Und ich weiß, daß ich umsonst geredet habe. Und versuch's doch noch einmal: »Vielleicht gibt es einen Grund dafür, der tiefer liegt, als Sie ihn suchen. Vielleicht sollen Sie jetzt nicht glücklich sein, Frank Meinert, vielleicht sollen Sie nie auf die Art glücklich sein, weil Sie zu anderem bestimmt sind als zu einem bißchen Rausch, und dann im besten Fall zu lebenslänglichem, spießbürgerlichem Behagen. Dazu sind Sie dem Schicksal zu schade. Und mir auch, trotz Ihrer Sauertöpfigkeit und der verdrießlichen Grimassen, die Sie sich nicht abgewöhnen wollen.«
Er brütet noch immer vor sich hin, aber ein bißchen wetterleuchtet's schon in seinem unruhigen Gesicht. »Ich weiß, daß ich nie glücklich sein werde,« sagt er, »und ich weiß, daß ich einsam bleiben muß. Das ist merkwürdig bei mir, daß ich es von jeher gefühlt habe, schon als Kind zwischen all den Geschwistern. Und dies immer und immer wieder Enttäuscht- und Einsamwerden, das wird mein Schicksal bleiben, ich weiß es. Es ist mein typisches Erlebnis, wie Nietzsche sagt.«
Ich nicke und bin nun schon ganz beruhigt: Fürs erste hat Frank Meinert sein Spielzeug gefunden.