»Ihre diplomatischen Übergänge, fabelhaft geschickt! – Übrigens danke ich Ihnen für die Notbrücke, denn ich bin ja natürlich gekommen, um Ihnen zu erzählen.«

Er nimmt seine Wanderung durchs Zimmer wieder auf, und ich warte eine Weile vergebens.

»Nicht nur heute,« sagt er endlich hastig, »ich war in der letzten Woche schon ein paarmal deshalb hier. Sie wissen das natürlich! Frauen wissen bekanntlich immer alles. – Aber es ist jedesmal wie verhext, wenn ich hier sitze. So, als hätte ich das alles gar nicht erlebt, wovon ich sprechen will, oder irgendwo drüben an einem anderen Ufer. – Die Dinge werden ja immer unwirklich, sobald man sie ausspricht. Und ich habe auch schon geglaubt, damit fertig zu sein. Ich konnte schon darüber lächeln. – Ä, das sagt nichts, man lächelt immer darüber, aber es kam schon vor, daß ich eine Stunde lang nicht mehr daran dachte, und das ist weiß Gott schon viel. Da sagen Sie jetzt das eine Wort von der kleinen Konditorei, und alles ist wieder da, als wäre es niemals weg gewesen. Und es hilft kein Sichdagegenwehren, und es macht einen schwach und muskellos, und man fragt sich, ob man die verfluchte Quälerei nie los wird sein Leben lang.«

Und Frank Meinert steht einen Augenblick still und starrt vor sich hin, dann setzt er sich plötzlich ruhig und wie ausgelöscht auf seinen Stuhl.

»Frank,« sage ich leise, »schelten Sie nicht so auf Ihre Schmerzen, Sie fühlen doch daran, daß Sie leben.«

»Weiß Gott, ich fühl's!« stößt er heraus. »Aber glauben Sie vielleicht, daß ich großen Wert darauf lege?«

Ich antworte nicht und reiche ihm die Zigaretten hinüber, und er sagt mit einem träumerischen Blick, der sein häßliches Gesicht plötzlich schön erscheinen läßt: »Den hätte ich kennen mögen, der zuerst von allen Menschen den Entschluß gefaßt hat, freiwillig zu gehen. Welche unbegreifliche Erhabenheit lag in dieser Tat, als sie zum erstenmal geschah!«

Ich nicke, und wir sehen beide schweigend in die Wolken unserer Zigaretten. Endlich fährt er fort:

»Ich muß manchmal geradezu vor mich hinlächeln, wenn ich daran denke, daß der große Baumeister bei all seiner Klugheit eine Lücke in seinem Gebäude gelassen hat, ein kleines Loch, durch das wir still hinausschlüpfen können, wenn es uns da drinnen nicht mehr gefällt.«

»Ja, Frank,« sage ich nachdenklich, »das wäre eine schöne Einrichtung, wenn sie nicht so unvollkommen wäre. Wenn nicht die zweite Lücke fehlte, durch die wir still wieder hineinschlüpfen können, wenn es uns da draußen nicht gefällt.«