»Lieber Freund,« sage ich und stütze den Kopf in die Hand, »selbst auf die Gefahr hin, Ihnen eine Glücksquelle zu verschütten: Glauben Sie wirklich, daß es nur die Auserwählten sind, die leiden?«
»Gewiß,« antwortet er eifrig, »denn zum wirklichen Unglücklichsein gehört ein Maß von seelischer Tiefe, das nur wenigen eigen ist. Wie natürlich zu jedem großen Gefühl. Nicht nur der Schmerz, auch das Glück will getragen sein.« Ich nicke: »Insbesondere das der anderen. An dem schleppen wir oft unglaublich schwer. Das eigene Glück soll sich nicht schwer tragen, sagt man.«
Frank Meinert ist aufgestanden und geht, seiner Gewohnheit nach heftig rauchend und ein wenig schlurfend, im Zimmer auf und ab.
»Aber die Fähigkeit zum Glück muß da sein,« sagt er vor sich hin, »die ganz gemeine Begabung dazu, und die ist es, die mir fehlt. – Das ist das merkwürdige bei mir, und ich habe schon unendlich viel darüber nachgedacht: Warum habe ich nur so gar kein Talent zum Leben?«
»Nicht so schlurfen!« bitte ich ein bißchen nervös und sage dann, während ich mir eine frische Zigarette anzünde: »Sie haben ja so viele andere Talente,« – und nach einer kleinen Pause – »wie weit ist eigentlich Ihr –.« – »Ä!« unterbricht er mich mit einer Gebärde des Ekels, »glauben Sie vielleicht, daß ich jetzt arbeiten kann?« Und mit ironisch übertriebenem Pathos die Arme reckend: »Ich bin augenblicklich in der Periode des Erlebens!«
»Natürlich,« nicke ich ihm zu, »die muß erst überwunden sein, und ich bin mir schon lange darüber klar, daß Arbeit wirklich nur etwas für die Leute ist, die nichts zu tun haben.«
Frank lächelt nachsichtig und läßt sich auf dem Klavierstuhl nieder, den er trotz seiner eminenten Unbequemlichkeit allen anderen Sitzgelegenheiten vorzieht, wie überhaupt sein Wesen zwischen Trägheit und dem Hang zur Selbstquälerei hin und her schwankt.
»Ihr Sarkasmus trifft mich nicht,« sagt er und öffnet langsam und zerstreut den Flügel, »es war natürlich nur von innerem, nicht von äußerem Erleben die Rede.« – »Ich kenne diese Unterscheidung gar nicht,« antworte ich, »was wir nicht innerlich erleben, erleben wir doch überhaupt nicht.« – »Erlauben Sie, wenn ich nächstens infolge der mangelhaften Treppenbeleuchtung in meiner Bude abstürzen und ein Bein brechen werde, dann nenne ich das ein äußeres und kein inneres Erlebnis.«
»Und ich nenne das einen Beinbruch, aber ein Erlebnis nenne ich es noch lange nicht. Dazu könnte es nicht einmal durch eine seelische Beziehung erhoben werden, wie zum Beispiel durch die Tatsache, daß Sie sich gerade auf den Weg nach einer gewissen kleinen Konditorei –«
Frank, der, wie es seine Gewohnheit ist, mit gesenkten Lidern gesessen hat, hebt plötzlich den Blick, und seine graugrünen Augen schillern feindselig zu mir herüber. Er greift ein paar harte Akkorde und wendet sich, plötzlich abbrechend, mit seinem spöttischsten Lächeln zu mir: