»Unmöglich!« sage ich und schiebe den kleinen Tisch mit Kaffee und Kuchen zwischen uns. »Was sollte der Leser von uns denken!«

Das typische Erlebnis

Wir haben lange geschwiegen, und es ist so still im Zimmer, daß das Ticken der Uhr schon anfängt, aufdringlich zu werden. Endlich hebt Frank Meinert den Kopf mit dem zerwühlten schwarzen Haar, und über sein blasses, meist etwas verdrossenes Gesicht geht langsam das halb verlegene, halb selbstironische Lächeln, das ich sehr an ihm liebe.

»Weiß der Himmel,« sagt er und wirft mit einer bei ihm ungewohnt lebhaften Bewegung das Zigarettenrestchen in die Aschschale, »in dieser fabelhaften Feiertagsstille kann ich mich unmöglich auf meine Leiden besinnen.«

»Schade,« antworte ich und schiebe ihm die Pralinés näher, »ich werde auf diese Weise nie erfahren, was Sie bedrückt und weshalb Sie sich seit ein paar Wochen so in den Wirbel des Weltlebens gestürzt haben, daß es fast keine festliche Veranstaltung in Hamburg gibt, bei der nicht Frank Meinert bleich, mürrisch und zerwühlt, ein Miniatur-Beethoven, in einer Saalecke hockt. – Oder sollte zwischen diesen Dingen kein Zusammenhang bestehen?«

Das Lächeln um Franks großen und nervös-beweglichen Mund wird lebhafter. »Ja,« sagt er und sucht sich bedächtig seine Lieblingspralinés heraus, »so ist meine Art zu leiden.«

»Vernünftig,« lobe ich, »aber leider nicht neu. Jeder, der etwas auf seine Leiden hält, führt sie an fashionable Betäubungsstätten. Ich hätte von Ihnen etwas Originelleres erwartet.« – »Ihr alter Fehler!« bemerkt er mürrisch und fährt nach einem kurzen Schweigen mit überraschend einsetzender Beredsamkeit und nervös flackerndem Gesicht fort:

»Sie leiden an einem fundamentalen Mangel an Menschenkenntnis. Ich bin kein Originalitätsfex, wie Sie hartnäckig annehmen. Und es spricht auch wieder einmal bedauerlich wenig für Ihren psychologischen Blick, wenn Sie glauben, daß ich im Trocadero oder beim Bösen-Buben-Ball oder etwa bei den Massenmorden der Harvestehuder Gesellschaft Betäubung gesucht habe.«

Und da ich ihn erwartungsvoll ansehe, fährt er langsamer fort: »Sie haben es wohl noch nie erfahren, wie innig man seinen Schmerz lieben kann, gerade inmitten der Vielen, denen man so unendlich überlegen ist.« Und leise setzt er hinzu: »Weil man zu den Auserwählten gehört, die leiden.«