»Das weiß Gott,« nickt Georgi elegisch. »Dazu ist sie leider nicht trivial genug. Sie sitzt lieber wie die besonders kostbaren und zerbrechlichen Kunstwerke in den Museen unter einer Glasglocke oder von einer roten Schnur umgeben, die sie kaum bemerkbar, aber unüberwindlich von der Welt abschließt. Und da sie gewohnt ist, jede Arbeit im Leben von anderen für sich verrichten zu lassen, so läßt sie natürlich auch die anderen für sich erleben. – Was übrigens sicher der höchste Grad von Vornehmheit ist.«
»Lieber Georgi,« sage ich, »was heißt denn erleben? Müssen wir denn immer leibhaftig mitagieren und die Bombenrolle in dem Stück spielen? Muß es nicht auch Zuschauer geben, die entzückt oder schaudernd miterleben, was sich auf der Bühne begiebt?«
»Nein,« antwortet er, »auch der Zuschauer da unten muß ein eigenes Leben haben, wie könnte er sonst Schauer und Entzücken fühlen? Nur die Wonnen, die in unserem eigenen Empfindungsbereich liegen, können uns erregen, und nur der Schmerz, der unserem eigenen verwandt ist, rührt uns zu Tränen.«
»Und so weint im Grunde genommen jeder nur um sich selbst.«
»Und wenn ich eine Minute lang ehrlich sein darf,« fährt Georgi fort, »ich glaube auch gar nicht an dies vollkommen selbstaufgegebene Miterleben und an die lächelnde Gleichmäßigkeit der Frau in Ihrem Buch. Viel eher glaube ich, daß sie in diesen Gesprächen eine schwere Enttäuschung nicht totschweigt, wie Sie meinten, sondern totplaudert, was ja manchmal dasselbe bedeutet. Und noch eher glaube ich, und sage es, selbst auf die Gefahr hin, bei der Verteilung der Ästhetenkeks leer auszugehen, noch eher glaube ich, daß sie ein ganz raffinierter kleiner Racker ist. – Ja, ich würde vorschlagen,« und Kurt Georgi deutet das Folgende in seiner lebhaften Gebärdensprache an, »ich würde vorschlagen, an der roten Schnur in Manneshöhe eine Warnungstafel für geistreiche und gemütvolle junge Leute anzubringen: ›Hier liegen Fußangeln‹ –«
»Scht! Scht!« winke ich erschrocken ab, und er setzt schnell hinzu: »Es war natürlich von der Frau in dem Buch die Rede.«
»Das versteht sich,« antworte ich, »und ich bin glücklich über Ihr Urteil, so hart es ist. Denn daß diese Frau es vermocht hat, Furcht und Mitleid in Ihnen zu erregen, genau nach der altgriechischen Vorschrift für Kunstwerke, das spricht doch ungeheuer für mich und mein Buch. Es ist der kleine süße Kern, den ich aus Ihrer bitteren Kritik herausschäle, das Ja, daß ich trotz aller Verneinung höre. – Und nun sollen Sie doch unter die Freunde hier aufgenommen werden, und zwar nicht als letzter, sondern als erster im Dutzend. Ich will unser heutiges Gespräch als Einleitung in das Buch setzen, denn nach einem Vorwort habe ich schon lange verzweifelt gesucht. Da weiß der Leser doch gleich, woran er ist, und die Sache hat noch das Gute, daß die Einleitung zugleich als Schlußwort gelten kann.«
»Gott bewahre,« sagt Kurt Georgi entsetzt, »auf so etwas hätte man doch wenigstens vorbereitet sein müssen. – Aber,« setzt er nachdenklich hinzu, »wenn ich auf die ökonomische Ausschlachtung meiner geistigen Arbeit eingehe, welche Belohnung haben Sie mir zugedacht?«
Ich sehe ihm in die vor Schelmerei ganz schmal gewordenen Augen und muß unwillkürlich lächeln.
»Ja, ja,« nickt er, »hier wäre die beste Gelegenheit, eine Pikanterie anzubringen, wenn ich Ihnen diesen literarischen Rat erteilen darf.«