»Nun kommt aber eine merkwürdige Erscheinung: Zwischen all diesen Köpfen schaut wie im Vexierbild ein Kopf hindurch; das eine Porträt wird sichtbar, das Sie wahrscheinlich nicht zu zeichnen beabsichtigten, und das nun, ich sage beileibe nicht ›deshalb‹, das nun das einzige von zwingender Ähnlichkeit geworden ist: das Porträt der Frau.«
»Lieber Freund,« sage ich, »wie ist das möglich? Nicht ein einziges Wort spricht die Frau in dem Buch über sich und ihre Empfindungen. Sie schweigt sich und ihr Leben ja geradezu tot, und mir scheint es jetzt sehr bezeichnend für das Wesen der Freundschaft zu sein, daß keiner der Freunde je diese Verschwiegenheit bemerkt.«
»Drollig,« lächelt Kurt Georgi und streift die Asche vorsichtig von seiner Zigarette, »drollig, daß wir oft am Schluß Tiefen in unseren Werken finden, von denen wir selbst nichts geahnt haben. – Aber hoffentlich ist Ihnen diese unvermutete Tiefe nicht peinlich, gnädige Frau, denn es ist ja sonst in dem Buch jede Spur von Gründlichkeit aufs Sorgsamste vermieden. Alle Dinge sind nur im Flug berührt, alle Fragen nur mit den Fingerspitzen angefaßt, alles schwebt sozusagen in der Luft. In einer sehr angenehmen, wohltemperierten, nur wenig parfümierten Luft, in der nicht gelacht und nicht geschrien wird, in der man nur lächelt und plaudert. – Und dann, gnädige Frau –«
Er setzt sich plötzlich im Sessel aufrecht und streckt mir mit einer verzweifelt flehenden Gebärde die Hände entgegen: »Was haben Sie sich um Gottes willen dabei gedacht, nicht eine Spur von Pikanterie in diese Gespräche zu mischen! Wie in aller Welt glauben Sie, ein Publikum zu finden, wenn Sie die erotischen Probleme mit einer so geradezu minutiösen Sauberkeit behandeln? Mein Gott, der Titel verpflichtet doch schon beinah! Ja, wenn Sie schon berühmt, oder wenigstens auf irgendeine sensationelle Art gestorben wären! – Man liest ja schließlich auch die Droste und Eichendorf und Hölderlin, und neuerdings ist bei den Obersnobs Klopstock wieder modern geworden und wird bald so bedeutend sein wie Goethe – aber lebend und unberühmt und weder pikant noch pervers! – Unmöglich!«
Und Kurt Georgi macht eine abschließende Handbewegung, die mich erledigt, und lehnt sich mit allen Zeichen der empörten Hoffnungslosigkeit im Sessel zurück.
»Vielleicht lockt der Titel,« versuche ich einzuwenden. »Oder wenn man einen himmelschreiend neuartigen Buchdeckel machte –«
»Nein, nein,« wehrt er ab, »uns bleibt nur zu hoffen, daß der eine oder der andere Ihrer eventuellen Leser in dem Umgehen jeder erotischen Pikanterie eine besonders prickelnde Nuance entdeckt. Ja, sehen Sie,« setzt er wie neubelebt durch diesen Hoffnungsstrahl hinzu, »das halte ich noch nicht für ganz ausgeschlossen.«
»Diesem verständnisvollen Leser möchte ich schon im voraus dankbar die Hand drücken,« sage ich lachend, »und ihn unter meine Freunde einreihen, denn er hat richtig erkannt, daß die ungesprochenen Worte meist die bedeutungsvolleren sind, daß sie noch wahrer zu reden verstehen und –« Ich stocke, denn Kurt Georgi blickt mir, den Kopf in die Hand gestützt, mit einem forschenden Blick in die Augen.
»Und noch feiner zu lügen,« setzt er langsam hinzu.
»Nein, nein,« winke ich ein bißchen nervös ab, »ehrlich werden ist gegen die Abrede und in dieser Atmosphäre so wenig angebracht wie Schreien oder große Worte machen in diesem Buch. Die Frau hier und dort ist nun einmal nicht für die großen Worte geschaffen, ebensowenig wie für die großen Erlebnisse.«