»Darum möchte ich auch energisch bitten,« sage ich, »denn Sie wissen, ich gehöre zu den seltenen Menschen, die ehrlich genug sind, einzugestehen, daß ihnen Ehrlichkeit in den Tod verhaßt ist.«
»Wundervoll, wie Sie mir die Aufgabe erleichtern,« antwortet Georgi. »Aber ich hätte mir auch im anderen Fall kein Gewissen aus meiner Unehrlichkeit gemacht. Denn es ist doch wahrhaftig ganz und gar gleichgültig, was man in solchen Fällen sagt. Die Kritik kann noch so verneinend sein, der andere hört von allem nur das Ja. Noch dazu, wenn der andere eine Frau ist.«
»Der Anfang ist verheißungsvoll,« sage ich, und decke die Mütze über die Kaffeekanne, »kommen Sie also zur Sache!«
»Also,« holt Kurt Georgi aus, bequem zurückgelehnt und mit beiden Händen die Lehnen des Sessels umspannend, »fürs erste: Ich finde die Idee des Buches nett und originell. In elf zwanglosen Plaudereien sind elf junge Männer geschildert, die nur durch die Freundschaft zu einer Frau, also sozusagen durch eine Art Personalunion, miteinander verbunden sind.«
Ich nicke dankbar und er fährt fort: »Vor allem bewundere ich dabei, wie geschickt und zartfühlend Sie es verstanden haben, in diesen Gesprächen jede allzu prägnante Charakterschilderung der Freunde zu vermeiden. Das Buch hätte im anderen Fall leicht die Art eines Schlüsselromans, wenigstens für Ihren Kreis, annehmen können, und das wäre natürlich höchst unfair gewesen.«
Da ich diesmal kein Zeichen des Einverständnisses gebe, setzt er mit einem schnellen Blick nach den Keks und einer kleinen Neigung des Kopfes hinzu: »Wie gesagt, ich achte Ihre Zurückhaltung.«
»Sehr fein,« lobe ich. »Reden Sie nur weiter. Es ist geradezu ein exquisites Vergnügen, von Ihnen massakriert zu werden.«
Kurt Georgi lehnt den Kopf im Sessel hintenüber und schaut einen Augenblick sinnend zur Stubendecke hinauf. Dann spricht er vorsichtig, beinah tastend weiter:
»Nun könnte man ja auch sagen, und der intelligente Leser wird es zweifellos tun und damit das Verdienst Ihrer Zurückhaltung schmälern, man könnte sagen, daß Sie die Freunde nicht schärfer charakterisieren konnten. Zum Teil schon deshalb nicht, weil Sie sich darauf kapriziert haben, sie fast ohne jede Beziehung zur Außenwelt zu zeigen und alle in der gleichen Atmosphäre und vom gleichen Gesichtswinkel aus gesehen. Dieser Umstand hat unbedingt etwas, nun ja, sagen wir etwas Nivellierendes, und die jungen Männer, so verschiedenartig sie sein mögen, erscheinen daher alle wie Glieder einer –« Georgi deutet mit einer seiner überlebensgroßen Gesten einen weiten Kreis an – »wie Glieder einer großen Familie.«
»Die sie ja in einer gewissen geistigen Art auch wirklich sind,« werfe ich ein, doch er achtet nicht darauf und spricht lebhaft weiter, den Zeigefinger hebend: