»Warum nicht von mir?« frage ich ein wenig erstaunt.

»Nun,« erklärt er mir, indem er versucht, seine langen Glieder in eine etwas bequemere Lage zu bringen, »ich hatte bis jetzt immer gefunden, daß nur die mehr klugen als schönen Frauen dieser Ansicht waren, während umgekehrt die mehr schönen lieber für klug –.« Hier lache ich so herzlich, daß er erschrocken innehält.

»Und da komme ich nun, mehr dumm als häßlich und doch immer noch klug genug, nicht klug sein zu wollen und werfe Ihr ganzes schönes Schema über den Haufen.«

»Habe ich wirklich so was Dummes gesagt?« fragte er kleinlaut.

»Ach nein,« beruhige ich ihn, »wenn ich von dem zweifelhaften Kompliment für mich absehe, war es sogar eine sehr feine Beobachtung; Sie dürfen sie aber nicht jeder Frau verraten, denn sie ist ein Messer, das auf beiden Seiten schneidet. Wahr ist es übrigens schon, die Frauen, die sich ihrer Schönheit bewußt sind, wollen für klug gelten, denn zwei Vorzüge sind mehr als einer, und man überschätzt bekanntlich den Wert dessen, was man nicht hat. Die Klugen sind klüger und wollen gern schön sein, denn sie wissen, was das bedeutet und welche Macht darin liegen kann. Kann – sage ich, denn es gibt sehr viel Schönheit, die ungenutzt verlorengeht.«

»Ja,« antwortet er nachdenklich, »ich kenne zum Beispiel eine junge Frau, die jeden Abend, wenn sie vorm Spiegel steht und ihr Haar bürstet, ›Schade, schade!‹ sagt.«

»Ich will nicht indiskret sein,« versichere ich, »welche Bemerkung man übrigens immer voraus schickt, wenn man eine große Indiskretion beabsichtigt, aber ich möchte mir doch die Frage gestatten: Hat die junge Frau Ihnen das selbst erzählt?«

»Ich muß mit Oskar Wilde antworten,« sagt Georg Wendringer, »eine Frage ist niemals indiskret, nur die Antwort kann es sein.«

»Gut geantwortet, Georg Wendringer und Oskar Wilde,« sage ich. »Und da das Fragen nicht indiskret sein kann, so frage ich also getrost weiter: Hat sie wirklich so schöne Schultern?«

»Ich glaube, ja,« antwortet Georg mit seinem verschmitzten Lächeln und setzt, plötzlich ernst werdend, hinzu: »Übrigens sind wir nur sehr gut befreundet ohne jeden erotischen Beigeschmack.«