»Hören Sie, Paulsen,« sage ich und bleibe stehen, »wirken Trauungen immer so beunruhigend auf Sie? Dann hätten Sie mich doch lieber allein gehen lassen sollen, selbst auf die Gefahr hin, daß ich wie eine Kerze im luftleeren Raum verlösche.«
»Man muß sich austoben,« brummt er.
»Und damit scheint einer der seltenen Momente gekommen zu sein, in denen selbst der Mann ein Publikum braucht. Was hat Sie übrigens, wenn ich fragen darf, in diese erfrischende Stimmung versetzt? Vielleicht der famose Geistliche, gegen den Franz sich noch bis zum letzten freien Atemzug gewehrt hat und von dem er mir eben noch schnell und mit seiner wütendsten Grimasse zuflüstern mußte, daß er ein idiotischer Wanderprediger sei! Wobei mir nur eines unklar geblieben ist: warum gerade Wanderprediger?«
»Es fiel ihm wohl im Moment nichts Beschimpfenderes ein,« vermutet Paulsen. »Aber der ist ja nur nebenbei, gewissermaßen als ein Symbol dieser ganzen irrsinnigen Heiraterei.«
»Wieso irrsinnig?« frage ich sanft. »Ich habe noch nie eine Heirat gesehen, die – wenigstens von einer Seite aus – von so idealer Vernünftigkeit getragen war wie diese. Man könnte sagen, Herz und Verstand halten sich bei Franz die Wage, und sieht fast die zwei gleichstehenden Schalen vor sich. Von Gertruds Seite muß übrigens wirklich nur leidenschaftliche Liebe vorliegen, denn soviel ich mir auch den Kopf zerbreche, sogenannte Verstandesgründe für diese Heirat sind nicht aufzufinden.
Aber Paulsen, Sie können sagen, was Sie wollen und lächeln, wie Sie wollen, für euch Männer gibt es ja allerlei Glücksmöglichkeiten und allerlei Arten von Vernunftheiraten, aber für uns gibt es nur eine Art von Glück und nur eine Vernunftheirat, und das ist die Heirat aus Liebe.«
Paulsen lächelt grimmig: »Es gibt für euch Frauen nur einen absolut sicheren Weg zum Unglücklichwerden: das ist eine Heirat aus sogenannter leidenschaftlicher Liebe. Mit einem ungeliebten oder gleichgültigen Mann kann eine Frau ja ein ähnliches Ziel erreichen, aber der Weg ist nicht halb so sicher. Da gibt es noch Seitenpfade, in die sie abbiegen kann, womit ich nicht allein die illegitimen gemeint haben will. Frauenstimmrecht und Wohlfahrtspflege sind sogar extra dazu angelegte, gesellschaftlich sanktionierte Nebenstraßen. Für die leidenschaftlich liebende Frau gibt es aber keine Nebenstraßen, ihr Weg führt direkt und unbedingt in die Hölle.«
»Ja, Paulsen, denn eure Unzulänglichkeit schreit zu Himmel und Hölle. Aber selbst wenn Sie die Liebe als Vernunftgrund verwerfen, so müssen Sie doch zugeben, daß sie das einzig anständige Motiv zur Eheschließung ist.«
Aber Paulsen ist heute durchaus nicht in der Zugebelaune und erklärt verbissen:
»Ich will Ihnen etwas sagen, gnädige Frau, es gibt nur eine anständige Art von Liebe, und das ist die, von der's im Volksliede heißt: ›Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß‹, nämlich die heimliche, von der ›niemand nichts weiß‹. – Und wenn zwei Menschen es über sich gewinnen, mündlich und schriftlich und mit Blicken und Mienen stolz vor aller Welt zu verkünden, daß sie einander leidenschaftlich lieben und deshalb heiraten wollen, so nenne ich das eine unanständige Handlung. Von geschmackvollen Menschen sollte man verlangen dürfen, daß sie, wenigstens der Welt gegenüber, die Komödie der Vernunftehe aufrechterhalten.«