Hier muß ich so herzlich lachen, daß Paulsen mich durch seinen Kneifer erstaunt betrachtet, denn ihm ist's, wie immer, bitter ernst.
»Paulsen,« sage ich, »haben Sie wirklich keine Ahnung davon, wie viele Komödien uns durch diese Komödie erspart blieben? – Aber bis jetzt haben Sie nur um die Sache herumgeredet und mir immer noch nicht erzählt, warum Sie gerade heute Ihre Grantigkeit so wenig bändigen konnten, daß sie schon auf der Treppe mit Ihnen durchging? Und was sollte das heißen: ›Eine schöne Leich'‹?«
»Nun, das soll heißen, daß wir heute unseren guten Franz Lindner mit Harmoniumklängen und Feierreden sanft eingesargt und begraben haben. Nicht nur für uns, was selbstverständlich und nicht von Bedeutung ist, sondern auch für die Welt, und – wie ich fürchte, für ihn selbst.«
»Für einen Toten fand ich ihn unverhältnismäßig zufrieden und glücklich aussehend,« bemerke ich etwas trivial, und Paulsen fährt denn auch auf: »Ein Mann und noch dazu ein Künstler, der mit fünfundzwanzig Jahren zufrieden und glücklich aussieht, der gehört unbesehen zu den Toten, denn er ist das jämmerlichste von allen Geschöpfen.«
»Lieber Freund,« sage ich beschwichtigend, »ich hoffe, daß das nur einer Ihrer bekannten rethorischen Superlative ist, die wirklich immer superlativischer und rethorischer werden.«
Aber Paulsen schüttelt den Kopf. »Alles darf ein Künstler wollen,« sagt er nachdrücklich, »das Höchste und das Niedrigste, das Edelste und das Gemeinste, nur das armselige Glücklichsein, das darf er nicht wollen, das muß er den Philistern und den Weibern überlassen, sonst hat er ausgespielt – versungen und vertan.«
»Ich verstehe das nicht,« antworte ich. »Sollte eines Mannes großes, vielleicht überschwängliches Glück nicht auch Kunstwerke schaffen helfen?«
»Glück!« sagt Paulsen und verzieht das Gesicht, als habe er unversehens auf ein Pfefferkorn gebissen. »Nehmen Sie bitte das Wort einmal in die Hand, wie Schnee wird's darin zerfließen.«
Ich schüttle langsam den Kopf, aber er fährt fort: »Jawohl, ich kenne allerlei angenehme Dinge, die dem Glück zum Verwechseln ähnlich sehen. Erstens und vor allem befriedigte Eitelkeit, dann vielleicht noch Sorglosigkeit und Behagen. Ich kenne auch allerlei Räusche, aber immer, wenn man Glück dazu sagen will, zerfließen sie wie Schnee zu Wasser und zu Dreck. – Nein, das sogenannte überschwängliche Glück hat noch keine großen Werke geschaffen, und wenn dazu überhaupt ein Empfinden helfen kann, dann kann es nur ein überschwängliches Leid. Aber im allgemeinen bin ich der prosaischen Ansicht, daß die großen Werke keine Stimmungsprodukte sind, sondern Arbeitsprodukte.«
Wir schweigen einen Augenblick, dann fügt er hinzu: »Und wer arbeiten will, muß die Arme frei haben und ohne Verantwortung sein oder ohne Gewissen. Und wenn Kraft dazu gehört, die Einsamkeit zu ertragen, so gehört Größe dazu, sich als Künstler in der Zweisamkeit zu behaupten, die man bürgerliche Ehe nennt, und die meist alles andere als nur Zweisamkeit bedeutet.«