»Mag sein,« antworte ich nachdenklich. »Aber glauben Sie nicht, daß die Unzufriedenheit und innere Einsamkeit, die Ihnen zum Künstlertum unerläßlich scheinen, bei Franz schnell wieder die Oberhand gewinnen werden, sobald das Neue, das ihn jetzt noch berauscht wie alles Neue, alltäglich geworden ist?«

»Vielleicht,« nickt Paulsen. »Nur daß es dann nicht mehr die rechte Unzufriedenheit ist und nicht mehr die rechte Einsamkeit. Nicht mehr das Leid, das den Menschen erhebt, indem es ihn zermalmt. – Es wird die ganz alltägliche Qual sein, die einen feinnervigen Menschen im Zwang des immerwährenden Beisammenseins mit einem anderen zerreiben muß. Wie ja überhaupt die Frage, ob jemand in der Ehe unglücklich wird oder nicht, immer nur die Frage ist, wieviel er aushalten kann, im letzten Grund also nichts anderes als eine Nervenfrage.«

Ich nicke und lächle vor mich hin, denn Paulsens Art, die kompliziertesten Dinge auf die einfachste Formel zu bringen, amüsiert mich immer von neuem.

»Übrigens,« fährt er fort, »ist diese Frage absolut nebensächlich, und es ist möglich, daß wir Franzens Anpassungsgabe und Nervenstärke unterschätzen; vielleicht wird er sich bald wohl fühlen in der Philisterei, die er dann vornehmes Bürgertum nennen wird oder so ähnlich. Denn Leute, die ein bißchen journalistisch verseucht sind, finden bekanntlich immer ein rettendes Wort.«

Wir sind an der Alster angelangt und gehen eine Weile schweigend nebeneinander her, bis ich endlich ein wenig kleinlaut frage: »So wäre also für den Künstler die Frage, glücklich oder unglücklich verheiratet? immer nur die Frage nach dem kleineren Übel und eine ungelöste, wie mir scheint.«

Paulsen nickt zerstreut und deutet nach der sonnenglitzernden Alster und den Gärten rechts und links, von denen der Duft herüberstreift.

»Da ist er wieder, der große Betrüger,« sagt er, »dem wir in unserer Dummheit jedes Jahr von neuem auf den Leim gehen.«

Ich sehe ihn fragend an, und er fährt grimmig fort: »Oder hat Ihnen der Frühling vielleicht schon einmal gehalten, was er Ihnen versprochen hat?«

»Nein, Paulsen,« sage ich, »er hat mir noch nie gehalten, was er mir versprochen hat. Aber vielleicht nur deshalb nicht, weil ich nie dumm genug war, ihm ganz zu glauben.«

»Tja, ja,« nickt Paulsen, und sein Gesicht verzieht sich wieder zu der wehmütig-spöttischen Grimasse, und nach einer kleinen Pause noch einmal langsam: »Tja, ja.«