»Dann kennen Sie vielleicht auch nicht die eigentümliche Scheu, die manchmal ganz plötzlich und aus unaufgeklärten Gründen so ein Tier befällt. – Stellen Sie sich vor: es geht seelenruhig und brav bis zu einer bestimmten, ganz harmlosen Stelle. Aber an dieser Stelle macht es plötzlich kehrt, und keine Mühe, kein Schmeicheln und Drohen kann es bewegen, weiter als bis zu diesem Punkt zu gehen.«
»Ich habe schon davon gehört,« antworte ich, »und die Lösung dieses Rätsels wäre vielleicht ein wertvoller Beitrag zur Erforschung des pferdlichen Seelenlebens. Mir scheint sie übrigens nicht so schwierig wie Ihnen. Vielleicht ist der Punkt, vor dem die Scheu besteht, doch nicht ganz so harmlos wie Sie glauben. Es ist ja nicht gesagt, daß zwei Wesen darin gleich empfinden müssen.«
»Und wenn es nun gerade die Gefahr ist, die den Reiter lockt, wenn er nun gerade den Widerstand überwinden und diese – meinetwegen nicht harmlose Stelle erreichen will. Was dann?«
»Ja, was dann?« sage ich, »Sie sind ja Reiter, lieber Freund, nicht ich. Wäre ich der Reiter, dann umginge ich vielleicht die gefährliche Stelle – vielleicht, sage ich.«
»Das ist kein Heldenstück,« spottet er, »weder das Umgehen noch das Vielleichtsagen. Und wenn nun das andere ›Vielleicht‹ einträte, und Sie nicht so besonnen und weise wären, nicht so ganz kluge Jungfrau, was machten Sie dann?«
»Dann, ja dann machte ich wahrscheinlich eine große Dummheit, bei der ich den Kopf riskierte, oder doch wenigstens den Kragen, was auch peinlich sein kann.«
»Und das schöne himmelblaue Gewand, – ja, das wäre bitter.«
»Nein, Hänschen,« sage ich, »bitte zu bedenken, daß ich als Reiter kein himmelblaues Kleid trüge und also weit weniger zu riskieren hätte als die kluge Jungfrau, die außerdem bekanntlich noch eine kleine Öllampe in der Hand trägt, deren Licht sie treulich hütet. Ich glaube, so etwas kommt in der Bibel vor, und ich habe diese klugen Öllampenjungfrauen von jeher verabscheut.«
»Ja, nicht wahr?« sagt Dufaure ordentlich glücklich, »Sie finden also auch, daß Lampen, die nicht im richtigen Augenblick verlöschen, so recht eigentlich ihren Zweck verfehlt haben.«
»Ich möchte mir hierüber noch kein abschließendes Urteil gestatten,« antworte ich, »besonders deshalb nicht, weil der rechte Augenblick immer eine strittige Frage sein wird. Was aber die klugen Jungfrauen im Leben betrifft, so bin ich unbesorgt, denn ich habe die tröstliche Erfahrung gemacht, daß es gar keine gibt. Sogar unsere Tischgenossin, die alte und magenleidende Tante, die es so genau mit ihrer Diät nimmt, und die ich deshalb für das Ideal einer klugen und enthaltsamen Jungfrau hielt, hat neulich, als ihr der Lachs gereicht wurde, tief und schmerzlich aufgeseufzt: ›Einmal im Leben möchte ich mit gutem Gewissen sündigen dürfen.‹«