Und da er mich schweigend und mit einem eigensinnigen Ausdruck ansieht, kann ich nicht anders, als ein altes Kinderlied zitieren, und ich sage leise in seine flackernden Augen hinein: »Hänschen, Hänschen, sei gescheit!«
»Ja,« antwortet er zwischen den Zähnen und, plötzlich aufspringend: »Weiß auch nicht, welcher Teufel mich manchmal packt und Ihnen den Spaziergang durch die himmelblauen Gärten stört.«
Mir kommt plötzlich eine drollige Kindheitserinnerung, und während wir weitergehen erzähle ich ihm:
»Als meine Schwestern und ich noch klein waren, hatten wir mal ein sonderbares Spielzeug. Daran muß ich jetzt denken, vielleicht weil Sie gerade vom Teufel sprachen. Es war ein sehr hübscher, harmlos aussehender Kasten, dessen Schloß schwer zu finden war. Und während man danach suchte, berührte man jedesmal eine geheime Feder, der Kasten sprang auf, und ein kleiner Teufel flog heraus. – Und wir erschraken jedesmal zu Tod, und einmal habe ich sogar vor Schrecken geweint. Und wir hatten es doch vorher gewußt, daß der Teufel darin saß und hätten doch die Hände von dem gefährlichen Spielzeug lassen können.«
»Ja,« sagt Dufaure, »wir hätten ja die Hände von dem gefährlichen Spielzeug lassen können. – Daß es nicht geschah, trotz des besseren Wissens, bestätigt mal wieder meinen schönen, aber traurigen Satz: ›Klugheit schützt vor Dummheit nicht.‹ Übrigens vermute ich, daß Ihre Tränen schnell getrocknet waren. Es gibt ja so viele Spielsachen auf der Welt, und der Teufel sitzt nicht in allen.«
»Sicher war ich schnell getröstet,« antworte ich, »besonders, weil ich als Kind oberflächlich genug war, nicht hinter jeder harmlosen Sache eine tiefe Symbolik zu wittern.«
»Verzeihen Sie,« sagt Dufaure, »die Symbolik lag hier so nahe. Aber um Sie zu versöhnen, will ich Ihnen auch etwas aus meinem Kinderleben erzählen, wenn Sie es hören wollen.« Ich nicke und er erzählt:
»Ich hatte als Kind neben vielen schlechten Gewohnheiten eine, die besonders fatal und gefährlich war, nämlich die Gewohnheit, mich immer selbst zu sehen und zu hören. Ich ging immer gleichsam neben mir her und beobachtete mich. Anfangs mag es eine gewollte Spielerei gewesen sein, aber dann wurde es zur Gewohnheit und schließlich zum Zwang. – Auch daß ich mich beobachtete, beobachtete ich und so immer weiter, so daß es war, als stünde ich zwischen zwei Spiegeln, die sich ineinanderspiegeln und in denen man sich unheimlicherweise in einer endlosen Reihe sitzen, stehen und bewegen sieht. Sie können sich nicht denken, wie qualvoll das war – und noch ist, denn es ist noch nicht vorbei. Noch keine Erregung, noch kein Erlebnis war stark genug, mich in mir selbst zu verlöschen, mich von mir selbst zu erlösen.«
Dufaure schweigt einen Augenblick und setzt dann langsam hinzu:
»Und ich sehne mich nach dieser Erlösung. Ich möchte mich selbst verlieren, – einmal im Leben.«