Wir stehen auf der kleinen Brücke und sehen hinunter, und unsere Hände liegen auf dem Gitter nahe beieinander, aber nicht so nahe, daß sie sich berühren. Und plötzlich sage ich in die Stille hinein, fast ohne es zu wissen und zu wollen, und meine Stimme klingt wie dünnes Glas, das im nächsten Augenblick zerbrechen kann:
»Ich möchte mich selbst finden, – einmal im Leben.«
Und dann sprechen wir gar nichts mehr. –
Von Märchen und Masken
Ein unbeschreiblicher Reiz liegt über der Alster, wenn sie an warmen Sommerabenden mit unzähligen kleinen Fahrzeugen übersät ist, wenn die Ruder- und Segelboote, Punts und Kanus lustig durcheinanderschießen, und junge Gestalten in bunten Sportgewändern einander zurufen und nicken und plaudern und lachen und flirten, als wäre die Welt ein großer Festplatz und Leben der entzückendste Sport.
Aber ein anderer, feinerer Reiz liegt über der Alster, wenn man an lieben Sommermorgenden langsam durch ihre stillen Kanäle fährt. Gärten rechts und links, Weiden, deren Zweige bis ins Wasser hängen, Schwäne, die sich langsam dem Boot nähern, und die ein leichter Ruderschlag wieder vertreibt. Hier und da Kinder in den Gärten und ein kleiner Hund, der ans Ufer kommt und bellt. Und wir gleiten an all dem vorbei, und es ist wie im Märchenland.
»Andersens Märchen,« sage ich, und Erich Halpern sieht nach dem Ufer hinüber und nickt. Er sitzt an der Spitze des Punts, in weißem Sportanzug mit bunter Krawatte und braunem Wildledergürtel, frisch, klug und hamburgisch aussehend. Langsam und wie zum Spiel läßt er das leichte Ruder durchs Wasser gleiten, während ich mir am Boden des Fahrzeuges zwischen den unzähligen bunten Kissen und Polstern mein bequemes Lager hergerichtet habe. –
»Hier müßte man Märchen erleben,« sagt er lächelnd.
»Märchen erlebt man nicht,« antworte ich ein bißchen faul und blicke den Wölkchen meiner Zigarette nach, »man erzählt sie höchstens seinen Freunden.«