»Womit Sie hoffentlich nicht sagen wollen, daß alle Erlebnisse, die man seinen Freunden erzählt, Märchen sind?« – »Das will ich doch hoffen,« entgegne ich, »denn sobald sie aufhören, Märchen zu sein, sind sie schon Indiskretionen.«

»Müssen es denn immer Liebesgeschichten sein?« fragt er lachend.

»Ach bitte ja,« antworte ich, »alle anderen sind doch wirklich gar zu langweilig. Oder können Sie sich etwas Tödlicheres denken, als wenn jemand seine Abenteuer auf anderem Gebiet zum besten gibt. Beispielsweise Reiseerlebnisse: Man kann mir die Besteigung des Montblanc in den glühendsten Farben schildern, man kann mir die Kämpfe mit Buschmännern und Moskitofliegen noch so reizvoll ausmalen, es wird mich alles gleichgültig lassen der Frage gegenüber, ob die unglückliche Liebe, der man auf seiner Reise um die Welt entfliehen wollte, erkaltet ist oder nicht. Aber leider ist es die traurige Eigentümlichkeit der unglücklichen Lieben, daß sie auch in der Entfernung nicht erkalten.«

»Haben Sie diese betrübliche Erfahrung aktiver- oder passiverweise gemacht?« fragt Erich, »wenn es nicht indiskret ist, sich danach zu erkundigen.«

»Es ist indiskret,« antworte ich, »aber ich will Ihnen trotzdem antworten, daß ich in unglücklichen Liebesfällen meistens die leidende Form bevorzugt habe.«

»Bei der Sie anscheinend nicht allzuviel litten,« meint er trocken.

»Ach, ein Vergnügen ist auch das Unglücklichgeliebtwerden nicht,« antworte ich, »und vor allem ist es bedeutend schwerer, jemanden heraus als hinein zu verlieben.«

»Vielleicht weil man sich dieser Arbeit nicht mit der gleichen Hingabe unterzieht,« vermutet er, und ich kann ihm nicht ganz unrecht geben. »Es ist eine zu langweilige und trübselige Arbeit,« nicke ich. –

»Und zudem eine, die mir die moralischen Kräfte einer Frau bedeutend zu übersteigen scheint,« sagt Erich und beugt sich einen Augenblick nieder, um unter den Weidenzweigen durchzuschlüpfen, die fast bis ins Wasser hängen.

»Ach, man kann es schon, wenn man ernstlich will,« antworte ich zerstreut, denn es ist zu herrlich in der grüngoldnen Dämmerung, durch die wir fahren, als daß ich so recht zur Unterhaltung aufgelegt sein könnte.