»Ja,« entgegnet Erich, »man kann bekanntlich alles, was man ernstlich will, es fragt sich immer nur, ob man es ernstlich wollen kann. Und – ich muß gestehen – ich traue einer Frau jede Selbstlosigkeit und Opferfreudigkeit zu, nur die eine nicht, einen Anbeter wissentlich und willentlich zu ernüchtern. Es wäre fast übermenschlich.«
»Wenn er uns ganz gleichgültig ist,« werfe ich dazwischen; aber Erich antwortet: »Ein Mensch, der uns anbetet, ist uns nie ganz gleichgültig, und außerdem sind wir so eitel, daß uns sogar an der Schätzung der Menschen, an denen uns gar nichts liegt, noch viel gelegen ist. Ich weiß nicht, wer das einmal gesagt hat, aber es wird wohl eine Frau gewesen sein.«
Ich nicke. »Die Ebner-Eschenbach, und sie hatte recht. Aber unbesorgt, die Ernüchterung wird schon selbsttätig eintreten, denn die Eitelkeit der Männer ist so stark, daß ihre heißeste Liebe der Gleichgültigkeit gegenüber erlischt. Und wenn es schon schwer ist, den Haß oder die Liebe zu verkleiden, – die Gleichgültigkeit zu verbergen, ist uns einfach unmöglich.«
»Heil, heil!« ruft Erich vergnügt, »eine der schwierigsten Menschheitsfragen ist gelöst, und unglücklich liebende Männer laut Beschluß von heute aufgehoben. O du glückliche Welt, in der sich alles so spielend löst.«
Ich liege auf dem Rücken, die Hände unterm Kopf, und schaue in den Himmel und die ziehenden weißen Wolken hinein.
»Mir scheint alles so spielend leicht, wenn ich auf dem Wasser bin,« sage ich, »fast als ob dies Gleiten und Wiegen die Körper- und Seelenschwere zugleich aufgehoben hätte. Und dann all die Schönheit ringsum. Nein, es ist mir heute schlechterdings unmöglich, unglücklich liebende Männer tragisch zu nehmen.« – Erich lacht. »Wenn ich gewußt hätte, daß der Wassersport auch seelisch abhärtend wirkt, dann hätte ich Ihnen nicht so leidenschaftlich zur Anschaffung dieses Punts geraten.«
»Was verlieren Sie dabei?« frage ich und drehe den Kopf nach ihm hin, »Sie sind ja Gott sei Dank der einzige meiner Freunde, der nicht unglücklich liebt, und Sie glauben nicht, wie wohltuend das auf mich wirkt.«
»Und auf mich erst!« lacht er. »Übrigens verspreche ich Ihnen, falls mich das Malheur doch mal ereilen sollte, meinen Seelenschmerz männlich vor Ihnen zu verschließen. Denn erstens sind Sie mitleidslos –« – »Nur auf dem Wasser,« werfe ich dazwischen.
»Nun, Sie werden nicht leugnen, daß Sie auch auf dem festen Land die Leiden anderer, und wären es die schmerzlichsten, mit bedeutend mehr Fassung tragen als zum Beispiel –« – »Als zum Beispiel meine eigenen, und wären sie auch viel geringfügiger. Aber ich behaupte, damit keine unrühmliche Ausnahme zu machen, denn – wenn Sie mir ein unpoetisches Wort in dieser poetischen Umgebung gestatten wollen, – der eigne Rock ist uns allen immer noch bedeutend näher als andrer Leute Hemd. – Übrigens, lieber Erich, glauben Sie ja nicht, mir jemals Ihre Seelenstimmung oder Verstimmung verbergen zu können. Sie sind durchsichtig wie Glas –«
»Ich werde eine undurchdringliche Maske wählen,« verspricht er.