»Es sind nicht nur die ausgesprochenen Todesurteile, die töten. Und ich habe in den letzten Tagen manchmal denken müssen, daß die Menschen auch nicht immer an ihren eigenen Gebrechen sterben. Es ist schon mancher an der Herzensträgheit eines anderen zugrunde gegangen.«

»Gerhard!« sage ich.

»Es ist nur eine theoretische Abhandlung, gnädige Frau,« antwortet er, »und ich will Sie nicht mit Details quälen. – Darf ich ein paar Minuten bleiben?«

Ich nicke. »Aber setzen Sie sich und nehmen Sie sich etwas zu tun, denn ich möchte dies Kapitel gern noch zu Ende lesen.«

»Darf ich mich so lange am Klavier nützlich machen, bis Sie erfahren haben, ob der Graf sein schändliches Ziel erreichen und die Unschuld zu Fall bringen wird?« Und er sitzt schon am Flügel und spielt aus Mahlers Achter »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis«.

Ich klappe seufzend das Buch zu.

»Ich weiß zwar noch nicht, ob der Graf sein schändliches Ziel erreichen wird,« sage ich, »aber daß Sie's erreicht haben, ist sicher. Also lassen Sie Mahler und das Vergängliche und erzählen Sie mir, was Sie heut so spät noch hertreibt.«

»Ich hoffe, Sie haben ein Zeichen ins Buch gelegt oder sich wenigstens die Seitenzahl gemerkt,« sagt er bedächtig. »Oder vielmehr, ich hoffe es nicht, denn es stände im Widerspruch mit meiner Anschauung von der weiblichen Psyche. Ehe eine Frau nämlich ein Zeichen ins Buch legt oder im Register nachsucht, blättert sie lieber eine halbe Stunde lang seufzend hin und her.«

»Es wird auch Frauen geben, die es anders machen,« antworte ich, »wenn ich auch leider von mir zugeben muß –«

»Sehen Sie,« triumphiert er mit aufgehobenem Zeigefinger, »das Zeichen ins Buch legen ist eben ein männlicher Zug, und wenn es Frauen gibt, die es dennoch tun, so beweist das nur, daß sie männliche Züge aufweisen und sich vom Zwang des Geschlechts befreit haben.«