»O Gott,« stöhne ich, »lassen Sie Weininger ruhen, wenn Sie auf meine Freundschaft auch nur den geringsten Wert legen.«
»Gut,« lacht Karl Gerhard, »legen wir also Weininger zu Mahler, da es Ihnen heute so beliebt, und da die Wahl zwischen einem toten Philosophen und einer lebendigen Freundin keine nennenswerten Kämpfe in mir weckt. – Was haben Sie aber ernstlich gegen den guten Weininger einzuwenden? Der Umstand, daß man ihm mit der Bezeichnung eines modernen Frauenlob bitter unrecht täte, dürfte doch bei Ihnen nicht schwer wiegen, da Sie eingestandenermaßen Ihr eigenes Geschlecht nur bis zum Backfischalter erträglich finden?«
»Vielleicht ist der weibliche Korpsgeist doch stärker in mir als man denken sollte,« antworte ich, »vielleicht ist's aber auch nur die Weiningersche Beweisführung, die Sie soeben auch anwandten; die erscheint mir oft so billig, daß sie eines klugen Mannes, also auch Ihrer, nicht würdig ist.«
Er verbeugt sich: »Dank für die gute Meinung. – Ich tue leider in letzter Zeit so vielerlei, was eines klugen Mannes nicht würdig ist, daß der harmlose Weiningersche Trick mit unterlaufen mag.«
»Ja, ich habe so etwas gehört,« sage ich und schiebe ihm die Zigaretten hin, da die Zöpfchen, die er aus den Fransen meiner Tischdecke flicht, schon anfangen mich zu irritieren. Und nach einer kurzen Pause setze ich langsam hinzu: »Gerhard, warum machen Sie auch so dumme Geschichten?«
Er bläst ein paar Ringe in die Luft, blickt ihnen nach und fragt:
»Sie wissen es nicht, gnädige Frau?«
Und dann plötzlich den Kopf zu mir wendend: »Sie haben keine Ahnung, warum ich neulich abend von Wartenbergs fortlief wie – na, sagen wir wie ein wildgewordener Esel, wenn es so was gibt, – und geradeswegs in die Bar, wo ich mit einem anderen Esel in einen etwas deutlichen Wortwechsel geriet.«
»Sie sollen ihn so verprügelt haben, daß der Wirt Sie hinauswerfen ließ.« – »O nein,« widerspricht Gerhard und drückt bedächtig seine Zigarette aus, »ich ging ganz von selbst, nachdem ich mir ein bißchen Luft gemacht hatte. Und ich ging stolz.« – »Gestützt auf Emmi,« unterbreche ich ihn.
»Hieß sie Emmi?« fragt er, »ja richtig, gestützt auf Emmi, denn ein Stuhlbein hatte ich doch bei der Diskussion abgekriegt. Sie sind gut unterrichtet, gnädige Frau.« – »Nicht besser als alle Welt,« versichere ich ihn.