»Ersatz?« wiederhole ich. »Jeder ist doch ein Mensch für sich, und einer kann den anderen nicht ersetzen.«
»Nun,« antwortet er, »meistens ist es doch im Leben so, daß uns die Dinge schon halb verloren sind, während wir sie noch zu halten glauben, und während von uns ungeahnt, irgendwo aus der Flut der Erscheinungen schon das Neue aufsteigt, das den Ersatz in sich trägt.«
Wir schweigen eine Zeitlang, und ich schaue ein wenig gedankenlos in die kleine rosa Lampe vor mir. Endlich sage ich:
»Drollig, mir ist ein Wort im Ohr hängen geblieben, das Sie vorhin sprachen. Vielleicht, weil's so widerspruchsvoll klingt. Was ist das, ein idealer Nützlichkeitstrottel?«
»Na,« antwortet er, »widerspruchsvoll klingt das Wort nun ganz und gar nicht, oder doch nur für den Trägen im Geist. Im allgemeinen drücke ich mich allerdings höflicher aus und sage: ideale Nützlichkeitsmenschen. Das Trottel sollte vorhin nur die weitverbreitete Trottelei des Heiratens treffen.«
»Meine geistige Trägheit schreit wahrscheinlich zum Himmel,« antworte ich, »aber ich kann mir auch unter der milderen Form nichts vorstellen. Also bitte, Herr Professor –«
Er fährt sich seufzend über den, trotz seiner Jugend, schon recht kahlen Schädel. »Gräßlich, wenn man durch die verfluchte Galanterie auch noch außerhalb der Vorlesungen zum Dozieren gezwungen wird. Aber nun passen Sie wenigstens auf, sonst setzt's was. Noch einmal kommen Sie nicht mit meiner Verachtung davon, diesmal knipse ich.«
»Mein Denkapparat wird nur so rasseln,« versichere ich und verstecke die Hände unterm Tisch.
»Na also,« er denkt einen Augenblick nach, »wissen Sie noch etwas von Lessings Hamburgischer Dramaturgie?«
»Ja,« sage ich stolz, »sie handelt hauptsächlich von Laokoon.«