»Ganz recht,« lobt er. »Sie meinen zwar den Laokoon von Lessing, aber das schadet nichts.« –

»Nein,« sage ich, »es schadet sicher nichts. Was hat es aber mit den idealen Nützlichkeitsmenschen zu tun?«

»Komische Frage,« antwortet er, »was soll es ausgerechnet damit zu tun haben? Ich muß morgen einen Vortrag über die Hamburgische Dramaturgie halten und wollte mich von Ihnen inspirieren lassen.«

»Und ist es geglückt?« frage ich. – »Vollkommen,« antwortet er, »ich bin nun so im Zug, daß ich Ihnen meinen Vortrag sofort halten werde.«

»Ich hoffe, Sie sind nicht böse, wenn ich dabei die Augen schließe,« frage ich, »das ist nämlich meine Gewohnheit bei Vorträgen und vielleicht der Grund zu meiner geistigen Fortgeschrittenheit.«

»Meinetwegen,« sagt er, »es ist mir ohnedies peinlich, wenn Sie mich so mit den Blicken verzehren und mir jedes Wort von den Lippen saugen.«

Ich überwinde einen krampfartigen Lachanfall, und er beginnt:

»Lessing war der Ansicht, daß in Hamburg das Prinzip der Nützlichkeit das überwiegende und ausschlaggebende sei. Davon steht zwar nichts in seiner Hamburgischen Dramaturgie, aber wir dürfen das dem Mann nicht zum Vorwurf machen, denn warum hätte er das gerade da hineinschreiben sollen? Er war trotzdem dieser Ansicht, und wir sind es mit ihm. Nun gibt es sowohl in, als auch außerhalb Hamburgs verschiedene Arten von Nützlichkeitsmenschem. Ad 1: Die gewöhnliche Feld-, Wald- und Wiesenpflanze, die jeder sofort erkennt, ad 2: die verfeinerte Sorte, die zwar auch nicht ganz selten ist, aber nur von Denkenden und geistig Hochstehenden erkannt und richtig eingereiht wird.

Es sind die Glücklichen, die nie eine Überzeugung, nie eine Neigung opfern müssen, weil ihre Überzeugung und ihre Neigung sich immer nach dem ihnen Nützlichen dreht, wie die Magnetnadel nach Norden. So leben sie unbeschwert von Sentiments, die nicht gerade der Augenblick in ihnen weckt, unbeschwert vor allem von retrospektiven Störungen, denn alles ist in ihrem Gedächtnis, oder sagen wir in dem Gedächtnis ihres Herzens ausgelöscht, was ihnen nicht mehr nützen kann. Und man darf von ihnen als ideal veranlagten Naturen nicht verlangen, daß sie sich nach etwas anderem als dem Zug ihres Herzens richten.

Sie sehen denn auch mit Verachtung auf den gewöhnlichen Nützlichkeitsmenschen herab, der der Stimme seines Herzens zuwider handelt und sich oft erst nach hartem Kampf mit sich selbst und mit bewußter Kraft und Rohheit das erringen muß, was ihnen eine besonders glückliche Veranlagung schenkt. Ihre Entschuldigung, wenn sie einer bedürfen, ist, daß sie nichts von dieser glücklichen Veranlagung wissen und ihrer wirklichen Überzeugung nach als ideal geartete Menschen durch die Welt gehen. – Kapiert?«