»Ja, ich bin hierhergeflüchtet,« sagt er, »übrigens nicht nur vor dem Regen, denn ich habe ja auch zu Hause gewissermaßen ein Dach über dem Kopf. Aber dies hier ist kein Dach, es ist eine Art Baldachin, eine Tempelwölbung, wenn Sie wollen, und nach so etwas sehnt man sich von Zeit zu Zeit geradezu elementar.«
Ich blicke ihn prüfend an und entdecke, daß er müde aussieht und daß sein schöngeschnittenes Gesicht noch etwas hagerer als sonst erscheint.
»Sie haben zu viel gearbeitet,« sage ich. – »Ja,« antwortet er seufzend, »ich habe mich geschunden und abgerackert, hundert Pferdekräfte habe ich vorgespannt, weil ich es zwingen wollte. Äh, lassen wir's jetzt! Hier ist es schön, und der Gedanke an Arbeit liegt in nebelhafter Ferne. – Denn sehen Sie,« fährt er lebhaft fort, »trotzdem Sie oft über meinen irrsinnigen Fleiß schelten, und trotzdem ich manchmal arbeite wie ein Tier, im Grund meines Wesens bin ich faul, – ohne jede Beschönigung, schlechthin faul.«
»Ich weiß,« antworte ich, »und kann Sie mir sehr gut als leidenschaftlichen Anhänger meines Lieblingsgottes vorstellen, des göttlichsten Gottes, der das absolute Nichtstun lehrt und das süße Versinken in sich selbst.«
»Ja,« antwortet Robert Helström mit einer großen Geste, »und hier ist der Tempel des Gottes Tao und seine fanatischste Priesterin. Und mir ist fast so, als kennten wir einander von Urzeiten her, und unsere Lotosblumen hätten einmal nahe beieinander geblüht. Ja wahrhaftig,« er stützt den Kopf in die Hand und betrachtet mich aufmerksam, »wenn ich mich recht besinne, gnädige Frau, Sie haben sich in den letzten zweitausend Jahren nicht im geringsten verändert.«
»Kleiner Dichter,« sage ich und sehe ihm in die necklustigen Augen. »Was wollen Sie eigentlich heute von mir? Ihre Redensarten sind so süß und glupschig wie Pralinés und haben auch das mit Pralinés gemein, daß man nicht recht weiß, was darin steckt. Also sagen Sie's gleich: muß ich wieder bei der Abfassung eines knifflichen Briefes an Ihren Verleger helfen, der so ungefähr haarscharf an einer Injurienklage vorbeiführt? Oder habe ich Sie heute mit eigener Lebensgefahr aus einer verzwickten Liebesaffäre zu erretten? Oder was ist es sonst?«
Aber in Robert Helströms Kopf scheint nur ein Wort haften geblieben zu sein, er macht einen langen Hals und blickt suchend auf dem Tisch umher.
»Apropos Praliné?« murmelt er.
Ich zeige ihm meine geöffneten Hände. »Alle,« antworte ich.
»Unerhört,« sagt er und lehnt sich entrüstet im Sessel zurück. »Ich werde mich beschweren!«