[63]. Geht es auch ohne Peitsche?

Die Rollwagenpferde müssen jetzt wieder anziehen und erhalten einige kräftige Hiebe mit der Peitsche. Wie wir schon aus der Ladung vermuten konnten, geht die Fahrt nicht weit. Bereits nach einigen Häusern wird halt gemacht. Die Pferde müssen hier das Abladen gewöhnt sein, denn sie halten aus eigenem Antriebe an.

Da bei manchen tierfreundlichen Völkern des Morgenlandes Peitsche und Sporen nicht zur Anwendung gelangen, so ist die Frage naheliegend, ob wir nicht auch ohne diese Werkzeuge auskommen könnten.

Es wäre das in der Tat sehr schön, aber bei unseren deutschen Pferden ist mit bloßen Worten nichts zu erreichen. Ich habe verschiedene tierfreundliche Landwirte kennengelernt, die ohne Peitsche das Pferd ziehen lassen wollten. Aber auf die Dauer geht es nicht. Das Pferd bleibt plötzlich stehen und scheint zu sagen: »Ich habe heute genug!« Auch wenn man keine Sporen am Stiefel hat, ist man machtlos.

Also Peitsche und Sporen sind tatsächlich bei unseren Pferden, soweit man sich darüber ein Urteil erlauben darf, erforderlich. Damit ist aber das grundlose rohe Peitschen nicht entschuldigt, ebenso ist damit nicht gesagt, daß nicht allmählich auf diesem Gebiete eine Besserung möglich wäre.

Das Anhalten der Pferde aus eigenem Antriebe an Stellen, wo ihr Herr zu rasten pflegt, ist eine allbekannte Erscheinung. Merkwürdigerweise legt man hierbei wiederum den Pferden Absichten unter, die ihnen ganz fern liegen. So kann man mit ernster Miene erzählen hören, daß ein Pferd seinen Reiter zur Wohltätigkeit zwang. Das kam nämlich folgendermaßen. Es lieh sich jemand ein Pferd von einem Manne, der wegen seiner Wohltätigkeit bekannt war. Der Reiter, der es sehr eilig hatte, war sehr bestürzt darüber, daß das Pferd vor jedem Bettler, der den Hut zog, stehen blieb und nicht eher weiterging, bis er dem Bettler eine Kleinigkeit gegeben hatte. Richtig ist folgender Tatbestand. Das Pferd bleibt vor einem den Hut ziehenden Menschen stehen und geht nicht eher weiter, als bis sein Herr eine Münze gegeben oder wenigstens eine Handbewegung gemacht hat, die hierauf schließen läßt. Mit Wohltätigkeit hat das nicht das mindeste zu tun. Das Pferd will lediglich stehen bleiben, und zwar möglichst lange stehen bleiben. Denn wenn es auch seine Arbeit verrichtet, so ist ihm Ruhe noch lieber.

Das Pferd hält also nicht an, damit der Mensch ein Vergnügen hat, etwa in das Wirtshaus geht oder seinen Freund besucht, sondern lediglich seinetwegen, damit es eine Ruhepause hat. Das ist eigentlich auch ganz selbstverständlich.

Wiederum ziehen die Rollpferde an und entschwinden unsern Augen, als sie um die Ecke wenden. Etwas haben wir doch von ihnen gelernt.

[64]. Die Feinde des Pferdes.

Schon früher haben wir erwähnt, daß für die Wildpferde außer dem Menschen der schlimmste Feind der Tiger ist. Ebenso ist bereits der Angriff der Wölfe auf eine Pferdeherde geschildert worden. Auch der Bär tritt in einzelnen Gegenden, z. B. am Ural als gefährlicher Feind der Pferde auf.