Alexander der Große ließ zu Ehren seines schon erwähnten Pferdes für die ihm geleisteten treuen Dienste eine Stadt gründen. Er muß also sehr hoch vom Pferde gedacht haben.

Bei uns nennt man einen dummen Menschen ein »Roß«. Vielfach hört man die Ansicht: Das Pferd ist ein furchtbar dummes Geschöpf, nur hat es ein vortreffliches Gedächtnis.

Es ist merkwürdig, daß ausgerechnet eine Dame, eine vortreffliche Pferdekennerin, sehr vernünftige Ansichten über das Pferd geäußert hat. Sie liebt die Pferde, aber sie beschönigt nicht, wie es andere Pferdeliebhaber tun. Von ihren Schilderungen sei hier folgende angeführt:

Eines meiner ersten Pferde war ein russischer Doppelpony, namens Sascha, das ungezogenste Geschöpf, das man sich vorstellen kann. Da er aber gleichzeitig bildschön und hervorragend klug war, konnte man dem kleinen Kerl nicht böse sein. Im Stall hatte er so ziemlich alle Untugenden, die bei Pferden vorkommen. Vorn biß er, hinten schlug er aus; Anhängen war bei ihm ganz vergeblich, da er jedes Halfter abstreifen konnte. Hatte man ihn in einem Laufstand untergebracht, so war es für ihn ein Kinderspiel, die Türe zu öffnen. Ich beobachtete ihn einmal, wie er den Riegel seiner Boxtür mit dem Maul zurückschob. Darauf ging er zur Haferkiste. Diese öffnete er, indem er den Deckel mit der Stirn hob und zurückwarf. Den Hafer ließ er sich dann recht gut schmecken!

Beim Reiten versuchte Sascha so ziemlich alles, um seine eigenen Wege gehen zu können. Sporenstiche wurden regelmäßig mit einem Biß in die Füße beantwortet. Im Wagen war es seine Stärke umzudrehen, sobald er genug hatte, und das war leider recht oft der Fall. Da er natürlich bei solchen Gelegenheiten ordentliche Prügel bekam, so machte er diese Versuche in der Folge immer an solchen Plätzen, wo man sich in einen Kampf mit ihm nicht einlassen konnte. Mit wirklich teuflischer Bosheit blieb er z. B. mitten im Trabe am Rande eines steilen Abhangs stehen und war nicht mehr zu bewegen, einen Schritt vorwärts zu gehen. Er stieg kerzengerade in die Höhe, bewegte sich nur mehr rückwärts und brachte den Lenker damit in Gefahr, mitsamt dem Wagen in den Graben zu stürzen. Einmal überschlug er sich nach rückwärts und fiel auf mich in den Wagen. Sehr beliebt war auch das Stehenbleiben mitten am Marktplatz oder sonst an einem belebten Ort, weil er wußte, daß man ihn der Leute wegen nicht so streng bestrafen würde und er mich dadurch besonders ärgern konnte. Es bedurfte eines Studiums, Sascha bei solchen Gelegenheiten wieder in Bewegung zu setzen. Ich hatte mir mit der Zeit seinen Tücken gegenüber eine solche Festigkeit angeeignet, daß Sascha diese Witze nur mehr selten mit mir versuchte. Der Kutscher hingegen brachte ihn oft nicht zwei Kilometer weit. Bei mir genügte es später, daß ich ihm vor jeder Fahrt einen Stock zeigte, der mitgenommen wurde. Dieser Stock mußte aber wirklich mit sein, sonst wurde er wieder frech.

Sascha war bei weitem das gescheiteste Pferd, das ich je gekannt. Nicht nur, daß ich ihm Zirkuskunststücke, wie niederknieen, steigen, auf den Hinterbeinen gehen im Handumdrehen beibringen konnte, er zeigte auch seinen Verstand mehr als einmal in hinterlistigen, vollkommen überlegten Handlungen. Zweimal versuchte Sascha sich durch Verstellung vom Dienste zu befreien. Diese beiden Fälle sind durchaus wahr und mehreren Zeugen bekannt.

Er sollte eines Tages für mich gesattelt werden; da kam der Reitknecht und meldete, Sascha könne auf keinem Bein stehen, da er vollständig lahm sei. Wir stürzten in den Stall und sahen den armen Sascha ganz traurig und hilflos in seiner Box stehen, abwechselnd jedes Bein schonend. Mit vieler Mühe zogen wir ihn heraus und brachten ihn in die Reitbahn. Hier fiel er beinahe um. Wir schickten zum Tierarzt und ließen den Pony, der sich anscheinend überhaupt nicht bewegen konnte, allein in der Bahn zurück.

Nach einiger Zeit ging ich voll Sorge nach dem guten Sascha sehen. Innerlich machte ich mir die bittersten Vorwürfe über die strenge Behandlung, die ich ihm manchmal zuteil hatte werden lassen, und bat ihm im stillen alles ab. Wer beschreibt aber mein Erstaunen, als ich mit wehmütigen Gefühlen die Bahntür öffnend, den todkranken Sascha ganz fidel herumspringen sah! Nicht die leiseste Spur von einer Lahmheit war mehr zu bemerken. Das Einfangen gestaltete sich zur wilden Jagd; er schlug vorn und hinten aus und vier Personen arbeiteten im Schweiße ihres Angesichts, um seiner habhaft zu werden. Die Absicht, sich durch Vorschützen von Lahmheit dem Dienste zu entziehen, lag hier ganz klar zutage. Ein späteres Vorkommnis bewies, daß wir uns in dieser Annahme nicht getäuscht hatten.