Ich hatte mit meiner Gesellschafterin eine Schlittenfahrt unternommen. Sascha schien übler Laune zu sein und nach etwa einer Stunde benützte er die Gelegenheit, uns beim Passieren einer hohen Schneewehe umzuwerfen. Nachdem ich mich aus den verschiedenen Decken, Kissen und Fußsäcken herausgearbeitet hatte, sah ich den lieben Sascha im vollen Galopp um die nächste Straßenecke verschwinden. Ich überließ die wehklagende Gesellschafterin, der natürlich gerade so wenig zugestoßen war wie mir, ihrem Schicksal und machte mich an die Verfolgung Saschas.
Es dauerte gar nicht lange, bis ich den Ausreißer wieder fand. Bei einer scharfen Wegbiegung war Sascha offenbar gegen einen Alleebaum angerannt und lag nun, alle Viere nach oben gestreckt, im Straßengraben. Er rührte kein Glied, und ich befürchtete wirklich, daß er tot sei. Als ich noch überlegte, was zu tun sei, kam Hilfe in Gestalt eines Gendarmen, der zwei Handwerksburschen transportierte. Freundlicher Weise stellte er sich und seine Gefangenen gleich zu meiner Verfügung. Bei näherer Betrachtung Saschas meinte aber auch der Gendarm, da sei nichts zu machen, denn das Tier habe sich das Genick gebrochen. So ohne weiteres wollte ich das nach den bereits mit Sascha gemachten Erfahrungen nicht glauben, und wir gingen daran, den Pony von Geschirr und Schlitten zu befreien. Er rührte sich noch immer nicht, hielt die Augen halb geschlossen; wenn man ihm ein Bein bewegte, fiel es schlaff in die alte Lage zurück. Gendarm und »Schwerverbrecher« ergingen sich in Mitleidsäußerungen über das »schöne tote Pferderl«. Als ich die Vermutung aussprach, daß es sich um Verstellung handeln könne, wurde das als gänzlich ausgeschlossen bezeichnet. Ich ließ mich aber nicht irremachen, nahm Sascha beim Zügel, die beiden Gefangenen – die sich edler Weise während der ganzen Zeit eifrig am Rettungswerk beteiligt hatten, statt, wie ich es an ihrer Stelle getan hätte, die Gelegenheit zur Flucht zu benützen –, wurden angewiesen, den Pony am Schwanz zu fassen. Der Gendarm zog an der Mähne und so mit vereinten Kräften brachten wir den »Toten« wieder auf die Beine! Kaum zum Leben erweckt, wollte Sascha sich schleunigst empfehlen. Dafür hatte ich aber schon vorgesorgt und hielt den Zügel ordentlich fest. Es stellte sich heraus, daß der Pony nicht die geringste Verletzung erlitten und sich offenbar verstellt hatte. Er wollte, daß wir ihn von Geschirr und Schlitten befreit liegen lassen sollten, worauf er dann den Heimweg, auf eigene Faust angetreten hätte. Wie würde er sich über uns belustigt haben!
Wer zuletzt lacht, lacht am besten, und das war in diesem Falle nicht der schlaue Sascha. So gut es mit den beschädigten Sachen ging, spannte ich wieder ein.
Die Gesellschafterin war inzwischen keuchend und jammernd eingetroffen. Sie erklärte, sich dieser »lebensgefährlichen Bestie« nicht mehr anvertrauen zu können, was mir weiter gar nicht viel Eindruck machte. Ich stellte ihr anheim, entweder zwölf Kilometer im tiefen Schnee zu Fuß zu gehen oder es noch einmal mit mir zu wagen. Sie wählte schließlich das Zweite, und so fuhren wir heimwärts.
Der kleine Sascha war trotz seiner zahlreichen Untugenden zehn Jahre lang mein besonderer Liebling. Auch der Umstand, daß er mich im Laufe dieser Zeit elfmal biß, konnte ihm meine Zuneigung nicht rauben. Er war ein so verständiges und kluges Tier und dabei äußerlich so hübsch, daß ich ihm alles verzieh. Wer Sascha in seiner Box besuchte, ohne seine Eigenart zu kennen, wurde rettungslos von ihm »apportiert«. Er ließ solch einen ahnungslosen Besucher erst nahe kommen, dann stieg er auf, schlug mit den Vorderhufen nach ihm und drängte ihn in eine Ecke der Box. Hatte er ihn soweit, dann faßte er ihn mit den Zähnen und schleppte ihn herum. Auch in der Schmiede war der kleine Kerl gefürchtet, seit er eines Tages den Schmied beim Beschlagen hoch hob.
Sascha, der im allgemeinen durchaus kein scheues Pferd war, hatte merkwürdiger Weise eine unüberwindliche Angst vor Schlittengeläute. Als ich ihm das erstemal Schellen anlegte, gebärdete er sich ganz verrückt. Nach verschiedenen vergeblichen Versuchen, im Stall sowohl wie im Freien, wendete ich keine weitere Gewalt an, weil ich das an und für sich schon sehr reizbare Tier nicht noch verrückter machen wollte. Da kam mein Bruder zu Besuch und meinte als Reiteroffizier, es sei lächerlich, mit so einem kleinen Kerl nicht fertig zu werden, er würde ihm die Schellen schon anziehen. Ich sagte ihm, er könne einen Versuch machen, wenn er für den dabei entstehenden Schaden aufkommen wolle.
Sascha wurde mit verbundenen Augen an die Leine genommen und das Geschirr mit den Glocken, denen man zuerst die Schwengel festgebunden hatte, damit sie nicht läuten konnten, wurde ihm aufgelegt. Als das getan war, befreite man Sascha von der Blende und ließ die Glocken klingen. Wie wahnsinnig lief der Pony nun an der Leine im Kreise herum. Wohl eine Stunde jagte er vollkommen toll dahin, bis man ihn schaumbedeckt und atemlos endlich zum Stehen brachte. Nun dachte man, er sei genügend erschöpft, um ihn an den Schlitten bringen zu können. Sechs Mann spannten ihn ein, nachdem man vorsichtshalber das Geläute abermals mit Tüchern umwickelt hatte, um den Schall zu dämpfen. Auf jeder Seite hielten ihn zwei Mann, weitere zwei Mann waren zur etwaigen Hilfeleistung bereit. Kaum hatte man das Geläute erklingen lassen, schob Sascha mit unverminderter Vehemenz ab; es gab kein Halten. Der Schlitten wurde total zertrümmert, vier Mann lagen am Boden und wurden geschleift, und schließlich war man froh, als man durch schleuniges Abnehmen des Geschirres der gefährlichen Geschichte ein Ende bereiten konnte.
Sascha hat diese Scheu niemals überwunden, und dieses Ereignis blieb unauslöschlich seinem Gedächtnis eingeprägt. In der Folge hatte er nicht nur Angst vor Glockengeläute sondern auch jeder blaue Gegenstand flößte ihm eine unbeschreibliche Furcht ein. Das Schlittengeläute war nämlich mit zwei blauen Federbüschen verziert gewesen, und in Saschas Gehirn waren offenbar die Begriffe der Gefährlichkeit von Glocken und blauer Farbe jetzt vereinigt. Eine blaue Wagendecke durfte er nie zu Gesicht bekommen, wollte man Unglücksfälle vermeiden; mit einem blauen Kleid ließ er mich unter gar keinen Umständen in seine Box; noch viel weniger konnte ich ihn mit einem Reitkleid dieser Farbe besteigen. Da Schellengeläute im Winter polizeiliche Vorschrift ist, nahm ich stets eine Glocke mit in den Schlitten und ließ sie nur, wenn durchaus nötig, z. B. wenn ein Schutzmann in Sicht war, ertönen. Dies trieb Sascha dann zwar zu sehr beschleunigten Gangarten, Unfälle konnten aber auf diese Weise doch vermieden werden.
Ich glaube, daß Sascha, der einerseits ein außergewöhnlich gescheites Tier war, doch in gewisser Hinsicht einen seelischen Mangel hatte. Es war nicht alles Ungezogenheit bei ihm, manchmal schien er wirklich im Gehirn nicht ganz in Ordnung zu sein. Besonders an sehr heißen Tagen blieb er z. B. beim Reiten oder Fahren plötzlich stehen, schüttelte mit dem Kopf und zeigte alle Zeichen von Dummkoller. Da er sich gern verstellte, so war es schwer, eine etwaige Gehirnkrankheit von einer Ungezogenheit zu unterscheiden. Mir war er gerade wegen dieser Abweichung vom Standpunkte der Tierseelenkunde aus wertvoll. Ich rechnete stets mit seiner Veranlagung und verzieh ihm aus diesem Grunde viel.
Seine krankhafte Abneigung gegen blaue Farben und Glocken hat er in den zehn Jahren seines Hierseins nie abgelegt, obwohl er sonst in seinen alten Tagen braver und ruhiger geworden war. Auch meine Versuche, ihn im Stall an diese Gegenstände zu gewöhnen, blieben erfolglos. Er hungerte lieber drei Tage, als daß er an die Krippe, vor welcher ein Geläute oder ein blaues Tuch befestigt war, heranging. Bei einem Pferd, das weder Eisenbahn noch Dampfstraßenbahn, noch Militärmusik, noch Schießen fürchtete, kann eine derartig unüberwindliche Angst vor an sich harmlosen Scheugegenständen wohl nur auf ungewöhnlicher Veranlagung beruhen.