Als Beispiel von Saschas Klugheit möchte ich noch erwähnen, daß er entgegenkommenden Fuhrwerken immer von selbst richtig auswich, und dies ist hier an der österreichischen Grenze keine Kleinigkeit. In Oesterreich wird links, hier in Deutschland rechts ausgewichen; die Salachbrücke bildet die Grenze. Sascha irrte sich nie und wechselte regelmäßig in der Mitte der Brücke das Ausweichsystem. Ich konnte ihm ganz ruhig die Zügel auf den Rücken legen, er hielt stets die richtige Straßenseite ein. Die Salzburger Droschkenkutscher, die mit Vorliebe in Bayern falsch ausweichen, hätten sich ein Beispiel an Sascha nehmen können. Begegnete Sascha einem falsch ausweichenden Wagen, so ließ er sich durchaus nicht irremachen, und wartete auf der richtigen Straßenseite ruhig ab, bis ihm Platz gemacht war. Man sollte glauben, daß gerade hier, wo ein Pferd sehr viel in Bayern, dann wieder häufig in Oesterreich gefahren wird, es durch die verschiedenen Ausweichsysteme verwirrt gemacht werden müßte. Bei Sascha war dies nicht der Fall, und ich gewann von ungläubigen Bekannten mehrere Wetten in dieser Angelegenheit. –

Die vorstehende Schilderung der vortrefflichen Pferdekennerin bestätigt das früher Gesagte, daß männliche Pferde mit dem Gebiß und den Vorderhufen kämpfen im Gegensatz zu den Stuten.

Höchst unwahrscheinlich klingt die Geschichte von dem richtigen Ausweichen des Pferdes. In der Lebensgeschichte berühmter Gelehrter lesen wir, daß sie als Freiwillige niemals rechts- und linksum unterscheiden lernten. Hier wird von einem Pferde berichtet, daß es in Deutschland und Oesterreich stets richtig auswich, obwohl das Ausweichen in beiden Ländern verschieden ist. Ich kann mir kein Urteil darüber erlauben, ob das wahr ist. Es ist hierbei selbstverständliche Voraussetzung, daß stets über dieselbe Brücke gefahren wurde. Da die Dame in ihrem Buche einen in jeder Hinsicht glaubwürdigen Eindruck macht, so finde ich als einzigen Ausweg die Tatsache, daß die Tiere zum Raume in einem ganz anderen Verhältnis stehen als der Mensch. Tiere finden sich im Raume leichter zurecht als wir, wie ihr Ortssinn beweist.

Selbst diese vortreffliche Tierkennerin hält ein Pferd für geisteskrank, weil es nicht mit Schellengeläut laufen will. Kann es denn nicht begründete Ursache zu seinem Verhalten haben? Man nehme einmal an, daß Sascha früher in Rußland bei einer Schlittenfahrt einen Ueberfall durch eine Räuberbande oder durch Wölfe erlebte. Hierbei wurde sein Herr oder der Kutscher oder ein Nebenpferd getötet, und er selbst nur durch Zufall gerettet. Ist es nun nicht ganz natürlich, daß ein Pferd bei seinem guten Gedächtnis ein solches Erlebnis nicht wieder vergißt?

Schaffen wir Menschen nicht alle Gegenstände fort, die uns an höchst unangenehme Vorkommnisse erinnern? Die meisten Menschen werden überhaupt sofort verstimmt, sobald das Gespräch auf Dinge stößt, die ihnen verdrießliche Sachen ins Gedächtnis zurückrufen.

Man hat dem Pferde mit Gewalt seine Abneigung gegen das Schellengeläute austreiben wollen. Hierbei hat es stundenlang in seinem verzweifelten Widerstand die blaue Farbe vor Augen gehabt. In der Folgezeit erinnerte es die blaue Farbe an das Schellengeläute, und das Schellengeläute wiederum an das furchtbare Ereignis. Auch das kann man nicht unbegreiflich finden.

Sascha hat sich durch Verstellung und Widerstand von der Arbeit gedrückt, wenn sie ihm nicht mehr paßte. Wir Menschen haben unsere menschlichen Interessen wahrzunehmen gegenüber den Haustieren, die wir füttern. Deshalb halten wir uns für berechtigt, ihren Widerstand zur Arbeit durch uns zugängliche Mittel zu brechen, also durch Peitsche und Sporen bei Pferden. Das ist alles ganz klar.

Eine ganz andere Frage ist es, ob ich ein Haustier, das sich der Arbeit entziehen will, deshalb für dumm halten muß. Da ich noch keinen Menschen angetroffen habe, der das Sichdrücken von der Arbeit für ein Zeichen von Dummheit angesehen hat – eher das Gegenteil –, so kann ich also ein Tier nicht deshalb für töricht halten, weil sein Verhalten uns Unannehmlichkeiten bereitet.

Aus dem Vorstehenden ist ersichtlich, daß gute Tierkenner sehr leicht zu einem ganz verschiedenen Urteil gelangen. Die Dame, die sich ihr Leben lang mit Pferden beschäftigt hat, hält ihren Liebling für teilweise geisteskrank und gibt die Gründe hierfür an. Ich glaube, daß meine Bücher gezeigt haben, daß ich auch eine Kleinigkeit von Tieren verstehe. Ich muß gestehen, daß ich keine Spur von Geisteskrankheit entdecken kann und Sascha für ein ungewöhnlich kluges Tier halte.