[67]. Ueber richtige Behandlung der Pferde.

Es ist betrübend, daß erst eine Dame kommen und uns Männern so verständige Worte über die richtige Behandlung der Pferde sagen mußte.

Die im vorigen Kapitel erwähnte vortreffliche Pferdekennerin gehört zu den wenigen, die den äußerst feinen Geruch der Pferde oft hervorheben. Als große Tierfreundin hielt sie sich allerlei Getier, darunter auch eine zahme Löwin. Hierbei konnte sie täglich beobachten, daß die Löwen wie alle Katzen ausgezeichnet sehen, Pferde dagegen vortrefflich riechen können.

Mit Vorliebe kaufte sie solche Pferde, die andere Menschen für vollkommen unbrauchbar erklärten und deshalb los sein wollten. Sie sagte sich mit Recht, daß die Pferde schon ihren Grund zu ihrem Verhalten haben werden. Sobald sie diesen Grund herausgefunden hatte, konnte sie das Tier wie jedes andere gebrauchen. Nur mußte sie auf die bestimmte Eigenart Rücksicht nehmen.

Ihre Erfahrungen auf diesem Gebiete sind sehr lehrreich und so sollen einige hier ihre Stelle finden:

Als ich eine neugekaufte Stute das erstemal ritt, machte sie, neben anderen Unarten, auch ganz plötzlich kehrt in der Nähe eines Wirtshauses. Da dort ein Planwagen stand, so glaubte ich, dieser sei die Ursache ihrer Furcht gewesen. In der Folge bemerkte ich aber, daß ihr derartige Wagen, die ihr auf der Straße begegneten, ganz gleichgültig waren, während sie sich einzelnen Häusern, besonders Gasthäusern, mit allen Anzeichen der Furcht näherte, auch wenn keinerlei Gegenstände, vor denen Pferde scheuen, dort zu sehen waren. Sie machte plötzlich Kehrt und warf sich mit solcher Schnelligkeit auf den Hinterfüßen herum, daß ich mich sehr in acht nehmen mußte nicht herunterzufliegen. Nur nach langem Kampf konnte man sie an einzelnen Stellen vorbeibringen.

Es bedurfte einer längeren Untersuchung, um herauszufinden, was die eigentliche Ursache ihrer Furcht und der damit verbundenen Widersetzlichkeit war. Schließlich stellte ich fest, daß die Stute eine wahnsinnige Angst vor Blutgeruch hatte. Auf dem Land wird in den meisten Gasthäusern geschlachtet, und diesen näherte sich die Stute stets mit allen Anzeichen der Furcht. Schon von weitem begann sie zu schnauben und zu pusten und fing mit ihrer Widersetzlichkeit an, um sich, wenn irgend möglich, das Vorbeigehen am Wirtshaus zu ersparen. Als ich sie einmal in einem solchen einstellte, wollte mir der Hausknecht beim Absatteln behilflich sein. Die Stute wurde ganz toll vor Angst, als der Mann, der, wie er mir dann sagte, kurz vorher beim Schlachten beschäftigt gewesen war, sich ihr näherte. Sie wäre mir bei dieser Gelegenheit fast davongelaufen; ich hatte alle Mühe sie zu halten.

Ich wollte nun feststellen, warum dieses Pferd eine derartig außergewöhnliche Angst vor Schlachthäusern hatte, und schließlich konnte ich den Grund herausfinden. Der Stute war seinerzeit bei einem Metzger der Schwanz gekürzt worden, und die Erinnerung an die Verstümmelung blieb für sie unauslöschlich mit Schlachthausgeruch verbunden. Erinnerungsvermögen und Geruchssinn sind beim Pferde hochentwickelt.

Der Widerstand dieser Stute beruhte also keineswegs auf Bosheit, sondern lediglich auf Furcht. Menschen, die der Sache nicht auf den Grund gegangen wären, hätten das arme Tier natürlich als vollkommen störrisch betrachtet, wenn es ohne anscheinende Ursache sich weigerte, an gewissen Stellen vorbeizugehen. Tiere tun selten etwas ohne Grund; bemüht man sich ein wenig sie zu verstehen, ihnen zu folgen, so wird man meist einen, von ihrem Standpunkte aus gesehen, triftigen Grund für ihre Handlungsweise feststellen. Viele Menschen finden dies aber nicht der Mühe wert, sie fertigen derartige Tiere nur mit den Worten ab: »Der dumme Bock scheut vor allem.« Dumm braucht das Tier deshalb noch nicht zu sein. Wenn es mit einem Gegenstand einmal schlechte Erfahrungen gemacht hat, so ist es ganz natürlich, daß es sich auch in Zukunft vor demselben fürchtet, denn die Fähigkeit, logisch zu denken, geht ihnen ab. Sache des Menschen ist es, das Tier in solchen Fällen durch geeignete Mittel von der Grundlosigkeit seiner Furcht zu überzeugen, ihm Vertrauen und Mut einzuflößen.

Bei dieser Stute schien die Nase ganz besonders entwickelt gewesen zu sein. Alle Ursache ihres Scheuens konnte man auf irgendwelche Witterung zurückführen.