Der Nasenspiegel ist sehr empfindlich und deshalb hindert er die Rinder, brennende und stachlige Pflanzen zu fressen. Während der Kriegsjahre konnte ich das sehr häufig im Zoologischen Garten beobachten. Die Futterration war nur knapp, und deshalb das Verlangen nach etwas Ersatz sehr groß. Im Spätsommer wachsen nun in den Ständen eine Unmenge Brennesseln. Das schöne Grün stach den Zebus, den indischen Rindern, in die Augen, und sie suchten immer wieder die Brennesseln zu fressen. Doch das empfindliche Flotzmaul trieb die Zebus immer wieder zurück. Nur junge oder verwelkte Brennesseln scheinen von Rindern gefressen zu werden.

Das Flotzmaul ist stets feucht und empfindlich wie beim Hunde die Nase und zwar aus denselben Gründen. Bei Wildrindern ist das Flotzmaul auch stets schwärzlich wie die Nase der Wildhunde.

[85]. Die Furcht der Rinder vor dem Blutgeruch.

Wenn wir unter uns einen Schlächter hätten, der eben geschlachtet hat, so könnte seine Witterung die ganze Rinderherde in Aufruhr versetzen.

Es braucht natürlich nicht gerade ein Schlächter zu sein. Es genügt, daß ein Jäger einen erlegten Rehbock im Rucksack trägt, dessen Blut von den Kühen gewittert wird. Ausschlaggebend ist stets der Blutgeruch. Es genügt also, daß wir die Hände in Blut getaucht oder daß wir ein Kleidungsstück mit Blut getränkt haben.

Der Grund des Verhaltens der Rinder ist einleuchtend, sobald wir an die Lebensweise der Wildrinder denken. Unzählige Male ist es vorgekommen, daß ein weidendes Rind gar nicht gemerkt hatte, daß ein Raubtier ein Kalb getötet oder einen Kameraden überfallen hatte. Die Anwesenheit des Raubtieres nahm es regelmäßig erst durch den Blutgeruch wahr.

Blutgeruch und zwar Geruch vom Blut eines Pflanzenfressers und Anwesenheit eines Raubtieres ist also für ein Rind so ziemlich dasselbe.

Hat daher ein Schlächter einen Kuhstall betreten, etwa um ein Kalb zu besichtigen, das er kaufen will, so sind die Kühe den ganzen Tag unruhig, was den Landleuten wohl bekannt ist.

Auch das Schlachthaus wollen Rinder nicht betreten, weil ihre feine Nase ihnen sagt, daß ihnen der Tod droht. Oft habe ich zugesehen, welche Anstrengungen erforderlich sind, um eine Kuh in den Schlachtraum zu bringen.

Die Furcht vor dem Blutgeruch besitzen auch Pferde, wovon schon früher (Kap. [67]) die Rede war.