Drittens aber – und das ist die Hauptsache – fehlen unseren Haustieren die Raubtiere. Man beobachte einmal ein freilebendes Tier, z. B. ein Reh, wenn es abends aus dem Walde tritt. Erst wird gesichert, d. h. alle Sinne werden aufs äußerste angestrengt, ob nicht irgendwo ein Feind, namentlich ein böser Jäger, nach Rehbraten Verlangen trägt. Erst wenn die angestrengten Sinne nichts feststellen können, und wenn eine längere Prüfung dasselbe Ergebnis hat, dann wird vorsichtig ins Feld getreten. Hier wird nochmals aufs gründlichste gesichert, ob irgendwas Verdächtiges zu erkennen ist. Erst dann werden einige Happen ganz hastig genommen. Von einem gemütlichen Futtern ist aber gar keine Rede. Nach einer halben Minute geht schnell der Kopf hoch, und wiederum werden alle Sinne angestrengt.
In ähnlicher Lage nehmen auch die Wildrinder ihre Nahrung zu sich, wenngleich sie im Gefühl ihrer Stärke nicht so ängstlich zu sein brauchen. Immerhin wissen sie, daß ihnen der Mensch oft überlegen ist, und daß sie gegen seine Fallgruben machtlos sind.
Von einem hastigen gierigen Hinunterschlingen ohne Pause, wie es unsere Hausrinder tun, kann also bei Wildrindern niemals die Rede sein.
Da wir Menschen die Raubtiere ausgerottet haben, so müssen wir sie in den Fällen, wo sie uns nützlich waren, ersetzen. Die Raubtiere verhinderten, daß die Pflanzenfresser in ihrer Gier zu hastig ohne Pausen schlangen. Denn die Pflanzenfresser mußten immer solche Pausen machen, um nicht von einem Feinde überfallen zu werden.
Solche Pausen beim Fressen der Rinder können wir dadurch erzielen, daß wir die Tiere in ständiger Bewegung halten. Viele praktische Landwirte sind davon überzeugt, daß das beste Mittel gegen das Aufblähen die fortwährende Beunruhigung der Tiere ist. Sie müssen dann Pausen im Fressen machen, und Fressen mit Pausen ist naturgemäß, während Fressen ohne Pausen unnatürlich ist.
[89]. Die Kuh vorm neuen Tor. Der Ortssinn der Tiere.
Eine bekannte Redensart ist die: Er steht da, wie die Kuh vorm neuen Tor. Man meint damit ein blödes, unbeholfenes Anstarren eines Gegenstandes, den man an dieser Stelle nicht erwartet hat.
Ochse und Kuh, Esel und Schaf gelten ja von unsern Haussäugetieren als die dümmsten. Natürlich sind die Raubtiere klüger als die bloßen Pflanzenfresser. Die Raubtiere müssen ihre Opfer überlisten, was nicht immer sehr leicht ist. Dagegen haben es die meisten Pflanzenfresser bequemer, da sie manchmal nur ihr Maul aufzumachen brauchen.
Immerhin sind die Gründe, die man für die Dummheit der genannten Tiere anführt, in den meisten Fällen nicht überzeugend. Wir dürfen doch nicht vergessen, daß wir frei lebende Tiere, die sich allein und ohne Belehrung und Schutz durch die Welt schlugen, erst durch unsere Behandlung zu den Jammergestalten gemacht haben, als welche sie so häufig vor uns stehen. Das Wildschaf ist nach der Ansicht erfahrener Jäger ein sehr schwer zu erlegendes Geschöpf, während unser Schaf vollkommen hilflos ist.