Mit Dummheit hat das Anstarren des neuen Tores durch die Kuh nicht das mindeste zu tun, sondern es rührt von der Verschiedenheit der menschlichen und tierischen Auffassung her. Für den Menschen ist der Gegenstand maßgebend, der ihm die Stelle bezeichnet, wohin er will, während das Tier sich nach diesem Gegenstand gar nicht richtet.
An einem naheliegenden Beispiel können wir uns das am besten klarmachen. Angenommen, der Besitzer der weidenden Kuhherde ließ heute sein Tor neu anstreichen – was allerdings bei den jetzt so teueren Farbpreisen ausgeschlossen ist, aber angenommen werden soll –, so würde sich der Hütejunge um den neuen Anstrich kaum viel kümmern. Auch würde es dem Jungen gewöhnlich ganz gleichgültig sein, daß das Schild des Gasthofes neu angestrichen ist. Es soll nämlich angenommen werden, daß die Kühe einem Gastwirt im Dorf gehören. Das würde auch der Fall sein, wenn der Hütejunge aus der Fremde gekommen wäre und zum ersten Male seinen Dienst verrichtete. Die Kühe dagegen stutzen am Tor wegen des ihnen fremden Farbgeruchs, vielleicht auch deswegen, weil die früheren dunkeln Farben durch helle ersetzt worden sind.
Der im Orte ganz fremde Hütejunge sagt sich: Dort ist das Schild meines neuen Herrn: Gastwirt Friedrich Schultze. Also bin ich an der richtigen Stelle. So handeln wir alle und denken, daß die Tiere es auch so machen. Das Tier richtet sich aber nur, wenn es vorzügliche Augen besitzt, also ein Augentier ist, nach seinen Augen und selbst dann nicht immer. Die Nasentiere richten sich aber nur selten nach den Augen.
Die Rinder, die ein schwaches Auge, aber eine feine Nase besitzen, haben wie alle Säugetiere einen vorzüglichen Ortssinn. Dieser Ortssinn ist für sie entscheidend. Kehrt eine Kuh zurück, so zweifelt sie keinen Augenblick daran, daß sie auf dem richtigen Wege ist. Denn ihr Ortssinn läßt sie nicht irren. Aber sie stutzt vor dem neuen Tor, und ihr Verhalten könnte man in menschlicher Sprache etwa so ausdrücken: Als ich früher hier entlangging, gab es so etwas von heller Farbe und scharfem Geruch nicht. Das setzt mich in Erstaunen.
In diese ganz verschiedene Auffassung der Tiere können wir uns gar nicht hineinversetzen und machen uns über Dinge lustig, die hierzu gar keinen Anlaß geben.
Ich erzählte früher (Kap. [9]) von unserm blinden Hunde, der zwei Jahre lang sich darin nicht irrte, wie die einzelnen Möbel in unserer Wohnung standen, und sich niemals daran stieß, wenn man sie in ihrer Stellung ließ. Er wußte ferner auf der Treppe Bescheid, in unserm Garten und auf der Straße. Welche Riesenleistung ist das, wenn man sich das vergegenwärtigt! Welcher Mensch könnte auch nur die Stellung der Möbel einer einzigen Stube im Kopfe so sicher haben, daß er im Dunkeln nirgends daran stieße! Als wir später die Wohnung im Hause wechselten und eine Treppe hoch zogen, mußte sich der Hund erst die neue Stellung der Möbel merken. Aber das gelang ihm in überraschend kurzer Zeit. Schwerlich hätte ihm ein blinder Mensch das nachgemacht.
Wie wäre es möglich, daß man ein Pferd kauft und erst zu Hause merkt daß es blind ist. Ohne den Ortssinn der Pferde könnte es gar nicht den Eindruck eines sehenden Geschöpfes machen.
Bei Schwadronspferden ist oft festgestellt worden, daß sie erblindet waren, ohne daß es einer von den Mannschaften oder den Vorgesetzten gemerkt hatte. Wie wäre es denkbar, daß ein Mensch in einer Schule, in einer Kaserne, in einer Fabrik erblindet, ohne daß diese Blindheit irgendwie von seinen Kameraden entdeckt wird.
Der Blinde bei uns sucht einen Führer, namentlich wenn er ein Städter ist. Ohne Frage haben wir Menschen früher ebenfalls den Ortssinn der Säugetiere besessen. Auf dem Lande habe ich Blinde kennengelernt, die sich allein auf schwierigen Wegen zurechtfanden. Ohne das Vorhandensein eines Ortssinnes läßt sich eine solche Leistung nicht verstehen.